2014-03-12 13:14

Thaiboxer Shemsi Beqiri macht weiter

Reinach

Zwei Wochen nach dem Überfall kehrt Shemsi Beqiri wieder an den Tatort zurück. Das Center in Reinach, das als Trainingsstätte von «Carlos» schweizweit bekannt wurde, ist piekfein herausgeputzt.

Sport wieder im Vordergrund: Shemsi Beqiri, der mehrfache Weltmeister im Thaiboxen beim Training mit seinem jüngsten Bruder Ilir.

Sport wieder im Vordergrund: Shemsi Beqiri, der mehrfache Weltmeister im Thaiboxen beim Training mit seinem jüngsten Bruder Ilir.

  • Jonas Hoskyn

«Als Strafe für zwei Wochen ohne Training macht ihr jetzt zuerst alle mal zwanzig Liegestütze», sagt Shemsi Beqiri. Auf einen Schlag ist die Anspannung weg und die rund 30 Jugendlichen und jungen Erwachsenen schmeissen sich auf den Boden. Danach wird der Thaiboxer nochmals ernst. «Ihr habt sicher alle mitbekommen, was passiert ist. Ich möchte mich bei allen bedanken, die das Vertrauen nicht verloren haben und an uns glauben. Ich will auch, dass wir noch enger zusammenhalten und dass jeder von jedem hier drin den Namen kennt. So und jetzt geben wir Vollgas.» Sofort legen alle los, Schatten­boxen, Liegestütze, Schattenboxen, Rumpfbeugen. Nach wenigen Minuten sind die Spiegel entlang der Wände beschlagen. Aus den Boxen dröhnt der Hit der Swedish House Mafia: «Don’t you worry, don’t you worry child.»

Auf die Stunde genau zwei Wochen nach dem Überfall auf das Reinacher Superpro Sportcenter öffnete dieses am Montagabend wieder seine Türen für den regulären Trainingsbetrieb. Mit dabei auch mehrere Sportler, die dabei waren, als der Basler Thaibox-Trainer Paulo Balicha mit einer Gruppe von zwei Dutzend maskierten Schlägern im Gym seines ehemaligen Schützlings wütete. Mit Baseballschlägern und Messern bewaffnet ging die Bande auf die Anwesenden los, während Balicha – als Einziger unmaskiert, dafür mit zwei Schlagringen ausgerüstet – auf Beqiri losstürmte. Zwischen den beiden entwickelte sich ein brutaler Kampf, in den sich schliesslich die Schläger und die Trainierenden einmischten, sodass die Situation endgültig eskalierte. Die traurige Bilanz: Sechs Personen wurden verletzt, zum Teil erheblich. Mehrere Opfer mussten mit Knochenbrüchen ins Spital eingeliefert werden.

«Das war wie mein Zuhause»

Auch Shemsi Beqiri selber erlitt mehrere Brüche und weitere Verletzungen bei dem Überfall. Die Nase ist noch ein bisschen schiefer als vorher und die Knöchel an den Händen sind von den Schlägen mit dem Baseballschläger immer noch dunkelblau unterlaufen. Ob und wann er wieder in den Ring steigen kann, ist noch unklar. Der 27-Jährige versucht, sich nicht allzu viel anmerken zu lassen. «Ich habe sicher noch nicht alles verarbeitet, aber ich will, dass sich meine Schüler hier wohl- und sicher fühlen», sagt er. Er selber hat seine Sporthalle seit dem Überfall kaum mehr betreten. «Ich konnte erst wieder hier herein, als alles aussah wie vorher.»

Tatsächlich ist das Center, das als Trainingsstätte von «Carlos» schweizweit bekannt geworden ist, piekfein herausgeputzt. Auf den kleinen Tischchen für die Eltern und Zuschauer hat es Salzbrezeln und Sportkataloge, der Kühlschrank ist voll mit Energy-Drinks. Daneben glänzen die Pokale und Gürtel des mehrfachen Thaibox-Weltmeisters.

«Aussen ist alles wieder verheilt – innen noch lange nicht», sagt Ilir Beqiri. Der 19-Jährige ist der jüngste der vier Brüder, die das Sportcenter zusammen aufgezogen haben. Auch er war beim Überfall dabei. Einer der Maskierten habe ihm eine Schusswaffe in den Bauch gedrückt, damit er seinem Bruder nicht helfen könne, erzählt er. «Dieses Gefühl wird man nur schwer wieder los. Das hier war wie ein Zuhause für mich. Das braucht sicher seine Zeit.» Andererseits habe er auch möglichst bald wieder loslegen wollen, sagt Ilir Beqiri. «Wenn man zu lange Pause macht, denkt man nur noch mehr daran. Ausserdem wäre es nicht fair gegenüber unseren Mitgliedern.»

Drei Monate Untersuchungshaft

Unter den Trainierenden befindet sich am Montagabend auch Dzezahir Kurtesi. Er war ebenfalls am Trainieren, als die Bande in das Sportcenter stürmte. «Ich dachte erst, das sei ein Spass.» Doch dann habe ihn einer der Angreifer mit einem Schlagstock im Bauch getroffen. Trotz des Vorfalls sei für ihn klar gewesen, dass er weitermachen will. Auch für die anderen Anwesenden ist das Geschehene kein Grund, das Thaibox-Center zu wechseln.

Bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Gegen Balicha, der sich noch am Abend des Überfalls bei der Polizei stellte, wurde ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Angriff, versuchter schwerer Körperverletzung und Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand eröffnet. Das Zwangsmassnahmengericht hat mittlerweile eine dreimonatige Untersuchungshaft bewilligt. Ansonsten hüllt sich die Behörde in Schweigen. Angesichts der schweren Vorwürfe dürfte der 37-jährige Portugiese noch ziemlich lange im Gefängnis sitzen.

Basler Zeitung