
Wer bezahlt die neue Tortechnik?
Der Fifa-Entscheid für neue Tortechnik – der weitherum begrüsst wird – muss auch umgesetzt werden können. Von bis zu 360'000 Franken pro Stadion ist die Rede.
Der Europäische Fussball-Verband (Uefa) verzichtet im Gegensatz zur Fifa bei seinen Wettbewerben vorderhand auf technische Hilfsmittel.

Eine gute Lösung? Beim EM-Spiel Ukraine - England übersah der Torrichter einen regulären Treffer des Co-Gastgebers der Euro 2012.
(Bild: Keystone)
Die Uefa nimmt den Entscheid des Weltverbandes (Fifa) beziehungsweise seines Boards, den elektronischen Torbeweis einzuführen, reserviert zur Kenntnis. Dies beweist nur schon die offizielle Verlautbarung, welche die Uefa auf ihrer Website verbreitet. An erster Stelle wird erwähnt, dass die Fifa die zusätzlichen Schiedsrichterassistenten definitiv zulasse und diese sogenannten Torrichter im Regelwerk verankert werden. Die Uefa hatte einen vierten und fünften Unparteiischen bereits in der Europa und der Champions League sowie bei der EM 2012 eingesetzt – mit zwiespältigem Erfolg allerdings, wie das nicht gegebene Tor der Ukraine gegen England zeigte.
Erst nach der von der Uefa offensichtlich begrüssten Offizialisierung der Torrichter erwähnt ihre Mitteilung eher beiläufig die grundsätzliche Zulassung der Torlinien-Technologie durch die Fifa. Der Hintergrund ist klar: Michel Platini, der Präsident der Uefa, ist ein Gegner elektronischer Hilfsmittel. Er betonte stets: «Ich bin gegen Technik im Fussball.»
Champions League:Unverändert
Eine Nachfrage bestätigt diese Haltung. Sprecher Thomas Giordano erklärt, dass die Uefa für den Moment nicht beabsichtige, in ihren Wettbewerben die Torlinien-Technologie einzuführen. Gleichwohl sei sie sehr zufrieden, dass die Möglichkeit, Torrichter einzusetzen, offiziell in die vom Fifa Board gehüteten Spielregeln aufgenommen werde.
Das heisst: In der Europa League und der Champions League, den wichtigsten Club-Wettbewerben der Uefa, kommen bis auf weiteres Torrichter zum Einsatz, nicht aber technische Hilfsmittel. Dabei könnte sich gerade die Uefa mit ihrem Geldesel Champions League, der pro Saison über eine Milliarde Franken umsetzt, in den Stadien der Königsklasse die Aufrüstung mit technischen Hilfsmitteln problemlos leisten. Auf 150 000 bis 200 000 Dollar pro Stadion werden die Kosten für die Systeme Hawk-Eye (wie im Tennis) oder Goal-Ref (Chip im Ball) veranschlagt.
Die Fifa wird die beiden Systeme vorerst bei der Club-WM im Dezember 2012 in Japan, am Konföderationen-Cup 2013 sowie an der WM 2014 in Brasilien einsetzen. Die Landesverbände und ihre Ligen können selbstständig entscheiden, ob und wann sie die neue Technologie einführen wollen. Vorgeschrieben ist von der Fifa einzig, dass die Technik nur als Entscheidungshilfe bei strittigen Torszenen verwendet werden darf, also nur für die Frage: Hat der Ball die Linie vollumfänglich überschritten oder nicht?
Premier League: Wohl zuerst
Die ersten Reaktionen aus den grossen europäischen Fussballländern fielen unterschiedlich aus. Während englische Medien spekulieren, dass die TorlinienTechnologie in der Premier League bereits im Januar eingeführt werden könnte, ist der Deutsche Fussball-Bund (DFB) zurückhaltender. Sein Präsident Wolfgang Niersbach sagt: «Aus der Sicht des DFB ist es ein Schritt in die richtige Richtung, aber Schnellschüsse in der Umsetzung darf es nicht geben. Zur neuen Saison ist eine Einführung unmöglich.» Verschiedene deutsche Medien glauben, dass die Neuerung in der Bundesliga ab der Spielzeit 2013/14 denkbar sei.
Und was macht die Swiss Football League? Vor einem halben Jahr wurde die Schweiz angefragt, ob die Durchführung von Tests technischer Hilfsmittel denkbar sei. Passiert ist aber nichts. Dass die Fifa am Donnerstag nun entschied, Torlinien-Technologien zuzulassen, überraschte Liga-CEO Claudius Schäfer nicht. Nur bedeutet das nicht, dass bald damit begonnen wird, die Stadien umund aufzurüsten. «Wir müssen alles analysieren», sagt Schäfer, «vor allem geht es auch um die Frage der Kosten, bevor wir einen Entscheid treffen können.»
Und darum ist klar: Strittige Situationen, die sich mit Technologien klären liessen, werden in der neuen Saison in der Schweiz immer noch vom Schiedsrichter und seinen zwei Assistenten an der Seitenlinie beurteilt. Ein elektronisches Hilfssystem kommt in der Super League frühestens ab der Saison 2013/14 infrage. Wenn überhaupt.
Tages-Anzeiger