2019-10-13 23:57

Das Erb-Übel

Der Hass gegen die Juden hat die Jahrhunderte überlebt – und nimmt ständig neue Formen an.

Auch heute noch sehen sich in Deutschland lebende Juden mit verschiedenen Formen von Hass gegen ihre Gemeinschaft konfrontiert. Foto: Keystone

Auch heute noch sehen sich in Deutschland lebende Juden mit verschiedenen Formen von Hass gegen ihre Gemeinschaft konfrontiert. Foto: Keystone

  • Gustav Seibt

Das knapp vermiedene Massaker führt zu den erwartbaren Bekenntnissen gegen den Antisemitismus. Doch diese Bekenntnisse fallen erstaunlich widersprüchlich und vielstimmig aus. Die einen verweisen auf den ansteigenden gewalttätigen Rechtsradikalismus im Windschatten der AfD, andere weisen auch nach dem Attentatsversuch eines Deutschen auf die verbreitete migrantische Juden- und Israelfeindschaft hin. Dass sie sich damit ein Motiv des Attentäters, das sich gegen Migration richtete, zu eigen machen, fällt ihnen offenbar nicht auf.

Nun hat es den einen Antisemitismus noch nie gegeben. Der Hass gegen die Juden hat über die Jahrhunderte so zäh überlebt, weil er die unterschiedlichsten Gestalten annehmen und immer neue Bündnisse eingehen konnte. Ablehnung der Juden gehört zum Kern der christlichen Heilsgeschichte. Judenfeindschaft kannte sogar die Aufklärung.

Judenhass verband sich seither mit Nationalismus, Antikapitalismus, Rassismus. Längst ist der europäische Antisemitismus in alle Welt exportiert worden; als verschwörungstheoretisches Denken erlebt er vor allem in der islamischen Welt eine neue Blüte. Und keine seiner älteren Gestalten ist vollständig verschwunden; sie alle leben im Untergrund der Überlieferungen weiter, wo sie zu neuem Leben erweckt werden können.

Drei Varianten des Antisemitismus

Heute in Deutschland lebende Juden sehen sich vor allem mit dreien solcher Varianten des Antisemitismus konfrontiert. Erstens floriert der deutsche Nach-Holocaust-Antisemitismus, der mit «Schuldkult» und Erinnerungskultur Schluss machen und die deutsche Geschichte wieder in ihre alte Glorie einsetzen möchte. Das ist der Antisemitismus aus nationaler Kränkung, den der «Flügel» der AfD am ungeniertesten vertritt. Sein Fussvolk sind Hooligans und Neonazis.

Die Antwort auf den Wahn kann nicht nur polizeilich sein, sie muss alltäglich-zivilgesellschaftlich werden: endlich.

Zweitens zeigt sich eine «Israel-Kritik», die alle Juden dieser Welt für die Politik des Staates Israel in Mithaftung nehmen will und ältere Motive einer jüdischen Weltverschwörung aufgreift. Diese «Israel-Kritik» reicht vom islamischen Fundamentalismus bis zu Teilen der europäischen Linken.

Drittens zeigt sich, besonders verstörend, seit mehr als einem Jahrzehnt ein popkultureller Antisemitismus, vor allem in der Rapperszene, der Motive aus allen Phasen der Geschichte des Antisemitismus aufgreift und mit erstaunlicher Ungeniertheit rekombiniert. Das aufwendige Video «Apokalypse» des Rappers Kollegah von 2016 findet sich im Netz nicht zufällig auf Seiten, auf denen auch das «Horst-Wessel-Lied» oder Tonspuren von Hitlers Stimme angeboten werden. Hier werden uralte Klischees von einer jüdischen Weltverschwörung in einer reisserischen, gruftigen Ästhetik dargeboten.

Auch die Zivilgesellschaft muss aktiv werden

Solche Fantasiewelten sind deshalb so beunruhigend, weil sie stimulierend wirken für alle möglichen Formen des gewalttätigen Judenhasses im Alltag, die vom Mobbing auf dem Schulhof – der Jude als «Opfer» – bis zum Verprügeln von Kippa-Trägern auf der Strasse reichen. Die Popkultur ist zudem offen für Querfronten zwischen Migranten und deutschen Neonazis. Der popkulturell unterfütterte machistische Strassen-Antisemitismus findet seine Fortsetzung im Netz, wo er frustrierten jungen Männern hilft, zugleich Frauenhass, Schwulenhass und Antisemitismus auszuleben.

Dieser neue Netz-Antisemitismus weist über Deutschland hinaus. Das Massaker als Grosstat eines Ego-Shooters, live im Netz übertragen, ist die neueste Variante der langen antisemitischen Gewaltgeschichte. Dass diese Form der Gewalt sich auch gegen andere Ziele wie islamische Gemeinden oder schwul-lesbische Lokale richten kann, zeigt die Anschlussfähigkeit des Antisemitismus.

Das jüngste antisemitische Ideengebräu verbindet Antifeminismus und Genderhass mit der Verschwörungstheorie vom «grossen Austausch» der angestammten Bevölkerungen durch Masseneinwanderung. In diesem Gebräu sind Judenhass, Islamhass, Frauen- und Schwulenhass im Zeichen einer kruden Globalisierungsangst verschmolzen. Der Hintergrund ist geradezu klassisch faschistisch, weil er ethnische Kollektive gegen die Möglichkeiten des Individuums ausspielt.

Die Szenerie ist erschreckend. Sie zeigt, dass es den Antisemitismus der jeweils anderen Seite nicht gibt. Alle seine Formen bleiben untereinander koalitionsfähig. Die Antwort auf den Wahn kann nicht nur polizeilich sein, sie muss alltäglich-zivilgesellschaftlich werden: endlich.