2018-06-18 18:43

Das Powerplay der Anwälte

Beim Prozessauftakt gegen Kampsportler Paulo Balicha nach dessen Überfall auf Shemsi Beqiri äusserten die Anwälte harte Kritik an der Staatsanwaltschaft.

Auch Jascha Schneider (links), Opferanwalt von Shemsi Beqiri (rechts), lässt kein gutes Haar an der Arbeit der Baselbieter Staatsanwaltschaft.

  • Daniel Wahl

    Daniel Wahl

Auftakt am Strafgericht im Muttenz im Monsterprozess um den Überfall auf das Kampfsportzentrum Superprosport-Center von Shemsi Beqiri vor vier Jahren und vier Monaten: In den ersten Stunden der Gerichtsverhandlung versuchten die Anwälte der 16 Angeklagten (plus einem Nebenangeklagten) die Arbeit der Staatsanwaltschaft zu zersausen und das Dreiergericht dazu zu bewegen, den Fall auszusetzen. Den Anfang mache Nicolas Roulet, Verteidiger des Hauptangeklagten Paulo Balicha, beim Überfall vom 24. Februar 2014.

Balicha verwickelte Beqiri in einen brutalen Kampf, während die anderen Trainer und auch Kinder unter Anwendung von Waffengewalt in Schach gehalten wurden. Beide landeten im Spital. «Eine Anklage sollte darstellen, was man den einzelnen Personen tatsächlich strafrechtlich vorwirft. Das tut sie nicht», sagte Roulet. Man würde Anklagevarianten, selbst zum Sachverhalt, vorlegen; die Anklageschrift sei gespickt von Eventual-Anträgen, Subanträgen, Subsubanträgen, so dass man nicht mehr wisse, gegen was man sich verteidigen müsse, ergänzten weitere Anwälte.

Harsch kritisiert wurde, dass die Staatsanwaltschaft die Herausgabe von rund einem Drittel der Akten verweigert und sogar das Inhaltsverzeichnis geschwärzt habe. Man habe sich nicht adäquat vorbereiten können. Ferner sind offenbar Einvernahmeprotokolle verschwunden.

Staatwanwalt dispensiert

Mit ihren Vorwürfen und Argumentationen trieben es die Anwälte aber auch sehr bunt: Ein Anwalt hatte zuwenig Platz, um seine Akten auszubreiten. Er bezeichnete es als «Einschränkung der Verteidigungsrechte». Dann wurde die Absetzung des Prozesses gefordert, weil Shemsi Beqiri am Tag nach dem Vorfall «Anzeige gegen unbekannt» eingereicht hat, obschon der Kickboxer gewusst habe, dass er gegen Balicha gekämpft habe. Beqiris Anzeige sei deshalb ein ungültiger Strafantrag.

Für Überraschung gesorgt hat, dass sich der Fall führende Staatsanwalt Stefan Fraefel vom Prozess krankheitshalber dispensieren liess. Er wurde durch seinen Vorgesetzten, den Leitenden Staatsanwalt Boris Sokoloff, sowie Staatsanwältin Evelyn Kern vertreten. Ihm warfen die Anwälte vor, den Fall unnötig aufgebläht zu haben. Zudem habe der Staatsanwalt mit einzelnen Parteien Absprachen getroffen, dazu wolle man ihn befragen, was nun durch sein Fernbleiben verunmöglicht ist.

Dass das Gericht den fallführenden Staatsanwalt in diesem gewichtigen Fall dispensieren liess, erst noch ohne ein Arztzeugnis vorlegen zu müssen, sei ein Skandal. Mehrfach wurde der Baselbieter Justiz vorgeworfen, «Kabinettsjustiz» zu betreiben.

Sokoloff nahm iden dispensierten Staatsanwalt in Schutz und parierte die Angriffe. Er habe Fraefel gecoacht: «Keine Anklage wurde an das Gericht überwiesen, ohne dass es von einem leitenden Staatsanwalt visiert wurde.» Der Vorwurf von Geheimabsprachen wies er von sich. Das seien Unterstellungen, absurde Behauptungen und persönliche Angriffe. Dann aber würde man, die Anklage nachbessern, sagte er und auch formell mitteilen, welcher Staatsanwalt nun den Fall führe.¨

Aufgrund der vielen Anträge hat sich das Gericht Zeit zur Beratung bis morgen gegeben. Dass das Gericht den Fall aussetzen will, glaubt Anwalt Christian Möcklin nicht: «Der Druck der Öffentlichkeit, den Fall zu behandeln und zum Abschluss zu bringen, ist zu gross», wie er vermutet. So ist am Dienstagmorgen mit dem Start der Hauptverhandlung zu rechnen.

Basler Zeitung