2015-07-23 09:41

«Ich bin nicht der Quotenmigrant»

Mustafa Atici (SP) will im Nationalrat die Bildungschancen verbessern und KMU stärken. Das macht ihn auch für die Bürgerlichen sympathisch.

Seit 1992 in Basel, damals als Student, heute als Unternehmer: «Meine Offenheit, das ist etwas, das noch typisch türkisch an mir ist.»

Seit 1992 in Basel, damals als Student, heute als Unternehmer: «Meine Offenheit, das ist etwas, das noch typisch türkisch an mir ist.»

(Bild: Nicole Pont)

  • Nina Jecker

    Nina Jecker

Dass Mustafa Atici mitbestimmen will, war schon früh klar. Bereits in der Primarschule im türkischen Elbistan nahm er gerne die Zügel in die Hand. «Wir hatten eine Folkloregruppe. Mir war gleich klar, dass ich die Gruppe leiten wollte, nicht nur mitmachen», sagt er schmunzelnd. Später studierte Atici, der mit acht Geschwistern als Sohn einer Händlerfamilie aufgewachsen ist, in Istanbul Industrie-Ingenieurwesen. Es folgten Praktika in Istanbul, doch das reichte dem jungen Mann nicht. Es zog ihn ins Ausland, in die Schweiz. An der Universität Basel hängte er ein Studium in Ökonomie sowie einen Master in European Studies an.

Die Migration in die Schweiz im Jahr 1992 war für Atici, so sagt er, vergleichsweise einfach. «Ich kam nicht als Flüchtling hierher, sondern zum Studieren, und ich wurde finanziell von meiner Familie unterstützt.» Dennoch wollte sich der junge Mann so schnell wie möglich in die Basler Gesellschaft integrieren. «Ich war erst fünf Monate da, da hatte ich bereits ein BaZ-Abonnement – obwohl ich noch kaum ein Wort Deutsch konnte.» Doch Atici wollte wissen, was an seinem Wohnort läuft, später kam ein Abo der Handelszeitung hinzu.

Fast schon ein wenig bürgerlich

Trotz Willenskraft und Ehrgeiz, Atici wirkt im Interview locker. Er freut sich offen über die Gelegenheit, sich und seine Politik vorzustellen. Sein hellblaues Hemd ist einen Knopf offen, die Ärmel sind hochgekrempelt. Der 46-Jährige sitzt im Café Beschle beim Aeschenplatz. Er erzählt mit glänzenden Augen, lacht viel. «Meine Offenheit, das ist etwas, das noch typisch türkisch an mir ist», sagt er. Auch eine gewisse Naivität gehöre zu seinen Wurzeln. «Ich denke meist nicht daran, dass Menschen Hintergedanken haben könnten, und bin teilweise fast zu leichtgläubig.» Aber auch eher schweizerische Eigenschaften wohnen ihm inne: Pünktlichkeit, Genauigkeit, Sauberkeit. Das macht sich besonders in seiner Tätigkeit als Unternehmensberater für von Migranten geführte KMU bemerkbar. «Da helfe ich, damit beispielsweise die Hygienevorschriften eingehalten und die nötigen Bewilligungen eingeholt werden.»

Daneben führt Atici Kebap-Stände im Joggeli und sitzt für die SP seit über zehn Jahren im Grossen Rat Basel-Stadt. Dort setzte er sich bisher für Themen wie Frühförderung, Chancengleichheit, aber auch bessere Bedingungen für KMU und Standortentwicklung ein. Ein SP-Mann mit bürgerlichem Herz? Atici lacht. «Ich habe mich zu Beginn über alle Parteien in der Schweiz informiert. Einige meiner besten Freunde sind in der FDP.» Der Entscheid fiel dann aber für die SP, «weil die Bürgerlichen eben gerade in Sachen Chancengleichheit und Integration nichts unternehmen». Warum ihm dies so wichtig ist, klingt wieder ganz pragmatisch. «Wenn wir jetzt verleugnen, dass sehr viele junge Ausländer in der Schweiz leben und einige von ihnen keinen guten Schulabschluss schaffen, dann haben wir sehr bald ein Riesenproblem.»

Kaum Zeit für Familie

Migranten sowie Schweizer müssten schon als Kleinkinder die nötige Förderung bekommen. «Sonst kommt uns das später sehr teuer zu stehen», sagt der Vater zweier Buben (9 und 14), der die SP-MigrantInnen Schweiz präsidiert. Ausserdem sitzt Atici in der Finanzkommission des Grossen Rates, ist Präsident der Kommission der GGG-Ausländer­beratung und Vorstandsmitglied in zahl­reichen Organisationen. Und er ist Vizepräsident der SP Basel-Stadt.

Die Frage, wo zwischen beruflichem und politischem Engagement noch Zeit für die Familie bleibt, lässt sein Lächeln verschwinden. «Ich vernachlässige die Familie schon», sagt er ernst. Er hofft, dass seine Söhne und seine Frau verstehen können, dass er sich nicht einfach zurücklehnen kann. Nachdenklich ergänzt er: «Ich bin mir bewusst, dass ich im Falle einer Wahl in den Nationalrat dieses Thema mit meiner Familie noch einmal besprechen muss.»

«Lesen, Liebe und Natur»

Wenn Atici doch einmal die Batterien aufladen muss, hat er dafür drei Wege: «Energie bekommt der Mensch aus dem Lesen, der Liebe und der Natur.» Der schweizerisch-türkische Doppelbürger lebt auf dem Bruderholz. Abends nach dem Znacht macht er oft lange Spaziergänge im Grünen. Mit der Kraft, die er daraus zieht, will sich Atici jetzt in den Nationalratswahlkampf stürzen. Der Unternehmer zeigt sich dabei motiviert und zuversichtlich. Immerhin habe er bei der Nomination durch die SP Basel-Stadt das zweitbeste Resultat dicht hinter dem amtierenden Nationalrat Beat Jans erzielt. Darauf ist der Grossrat sichtlich stolz. Dass er in der SP eine Art Migrantenbonus habe, verneint er. Man nehme schon wahr, dass er gute und wo nötig pragmatische Politik mache. «Ich bin nicht der Quotenmigrant.»

Basler Zeitung