2019-03-11 08:46

Angst vor Brexit-Chaos – Reisen abgesagt, Plastikgeschosse bestellt

Die Briten warten gebannt auf den 30. März, verzichten auf Ferien im Ausland und bereiten sich auf Bürgeraufstände vor.

Brexit-Befürworter demonstriere vor der Downing Street in London. (27. Februar 2019)

Brexit-Befürworter demonstriere vor der Downing Street in London. (27. Februar 2019)

(Bild: Reuters Hannah Mckay)

Es sind die kleinen Nachrichten in London, die Meldungen am Rande, die es in sich haben. Fast beiläufig hat man jetzt erfahren, dass die Londoner Polizei ihre Vorräte an Plastikgeschossen kräftig aufstockt – «in einer Zeit wachsender Angst vor Brexit-Unruhen», wie Londons proeuropäischer «Guardian» vermerkt. Plastikgeschosse sind in der britischen Hauptstadt nicht einmal zu Zeiten blutiger Strassenkrawalle benutzt worden. Man hat sie ausschliesslich in Nordirland zu Zeiten der «Troubles» eingesetzt.

Englische und schottische Polizeiverbände haben nun den Kollegen in Nordirland für den Fall von Post-Brexit-Unruhen Verstärkung versprochen. Bekannt ist, dass derzeit rund tausend Polizisten zwischen London und Glasgow für entsprechende Einsätze ausgebildet werden. Zugleich hat Verteidigungsminister Gavin Williamson verkündet, dass 3500 britische Soldaten «in Bereitschaft gehalten» werden. Sie sollen bei Bedarf – auch östlich der Irischen See – «einspringen».

Nicht ausgeschlossen hat die Regierung auch, dass sie notfalls im ganzen Land das Kriegsrecht ausrufen und Ausgangssperren verhängen könnte. Entsprechende Verordnungen liegen offenbar bereit, falls es zu Bürgeraufständen kommt. Die Existenz solcher Pläne bestätigt hat Williamsons Kabinettskollege Matt Hancock, der Gesundheitsminister, der freilich zugleich beteuert, die Regierung sei mit Wichtigerem als mit dem «martial law» beschäftigt. Diese abwiegelnde Antwort hat den Argwohn von Regierungskritikern allerdings eher noch verstärkt.

Keine Panik

In der Tat herrscht eine merkwürdige Stimmung in Grossbritannien. Im politischen Raum ist alles auf die dramatischen Vorgänge in Westminster, auf das Ringen zwischen Legislative und Exekutive konzentriert. Sollte bis zur Nacht auf den 30. März keine gütliche Lösung beim Brexit gefunden oder das Datum aufgeschoben werden, scheidet Grossbritannien ohne Vertrag aus der EU aus.

Doch die meisten Briten zeigen wenig Panik. Für die Brexiteers sind die Warnungen vor Kriegsrecht und Notstandsmassnahmen «Angstmacherei» derer, die den Brexit verhindern wollen. Und die meisten Briten hat die Aussicht auf leere Regale und ausbleibende Medikamente bisher nicht zu Hamsterkäufen veranlasst. Nur ein Fünftel der Bevölkerung hat letzten Umfragen zufolge begonnen, Konserven oder WC-Papier einzulagern. Eher ungläubig als in fieberhafter Angst treibt Grossbritannien auf seinen «Abgrund» zu.

Dabei wird von vielen Geschäftsleuten, Verbänden und Experten eine «No Deal»-Perspektive als «echte Katastrophe» bezeichnet. Befürchtet wird, dass in einem solchen Fall der Grenzverkehr stockt, der Lebensmittelnachschub abreisst und lebensnotwendige Medikamente nicht mehr nach Grossbritannien kommen. Oder dass die Preise in die Höhe schnellen und den Ärmsten keine Kaufkraft bleibt. Supermärkte haben erklärt, sie könnten nicht genug Produkte lagern und keine frische Ware garantieren.

Trinkwasser wird knapp

In Regierungsdokumenten, die an die Öffentlichkeit gelangten, wird davon ausgegangen, dass die Briten dann eben «ihre Ernährungsweise ändern» müssten. Das wird für viele Bürger eine neue Erfahrung sein. Vom möglichen Mangel an sauberem Trinkwasser hat sogar Landwirtschaftsminister Michael Gove, ein Chefstratege des Brexit, gesprochen. Die Apotheken haben das Recht gefordert, Rezepte eigenhändig abändern zu können. Sie stellen sich wie die Spitäler auf die Rationierung von Medikamenten ein.

Ein «war room», eine Art Kommandozentrale für den Gesundheitssektor, ist eingerichtet worden. Minister Hancock hat ein Flugzeug gechartert, um bei Bedarf Insulin und Mittel für die Krebsbehandlung einfliegen zu lassen. Er hat gewitzelt, sein Ministerium sei neuerdings «der grösste Kühlschrank-Käufer der Welt». Sorgen macht man sich auch um die Stromversorgung Nordirlands: Bei einem Kollaps des integrierten gesamtirischen Stromnetzes könnten in Belfast und Derry die Lichter ausgehen.

Nach Abzugsankündigungen diverser Grosskonzerne bahnen sich Jobverluste an. In der Automobilindustrie dürften Zehntausende Arbeitsplätze verloren gehen. Heimischen Firmen, die nicht mehr konkurrieren könnten, droht der Konkurs. Nach Schätzungen der Bank von England könnte das Vereinigte Königreich auf 15 Jahre hin bis 10 Prozent seiner Wirtschaftskraft einbüssen und auf eine Rezession zusteuern.

Briten haben Ferien im Ausland abgesagt

Die von den Brexiteers versprochenen neuen Handelsverträge mit aller Welt sind ausgeblieben. Nicht mal die alten, von der EU mit Drittländern ausgehandelten Verträge, die bei einem «No Deal» am 30. März schlagartig ihre Rechtskraft verlieren, hat man ersetzt. Auch anderes kompliziert sich bei einem «No Deal»: Reisen auf den europäischen Kontinent dürften lange Passkontrollen nach sich ziehen. Pässe müssen früher erneuert werden, um noch gültig zu sein.

Auch die Visafrage muss geregelt werden. Britische Fahrausweise verlieren womöglich ihre Gültigkeit in der EU. Eine Rückkehr zur grünen Versicherungskarte der Vergangenheit könnte nötig werden. Britische Versicherungsfirmen richten in Fährhäfen bereits Stellen ein, an denen ratlosen Kunden Hilfe angeboten wird. Flüge und Tunnelzüge sollen zwölf Monate lang weiter verkehren dürfen. Aber wenn in dieser Zeit nicht neue Verträge abgeschlossen werden, dürften die Routen eingestellt werden.

Viele Briten haben Ferienaufenthalte im Ausland für die nächsten Monate abgesagt. Nicht berücksichtigt sind dabei die existenziellen Probleme, die sich für die Million Briten ergeben, die in der EU leben (und für 3,7 Millionen EU-Bürger im Vereinigten Königreich) – und die ohne Brexit-Vertrag illegale Migranten wären. Gute Behandlung ist ihnen von beiden Seiten in Aussicht gestellt worden. Aber Garantien haben sie nicht.