2019-08-18 14:45

Der FCB wird so nüchtern geführt, dass es fast schmerzt

Warum für Präsident Bernhard Burgener Rang zwei in der Meisterschaft gar kein so grosses Problem ist.

Anstelle des Balls liegt Valentin Stocker im Netz. Beim 1:3 in Linz ist für den FCB auch sonst einiges verkehrt gelaufen.

Anstelle des Balls liegt Valentin Stocker im Netz. Beim 1:3 in Linz ist für den FCB auch sonst einiges verkehrt gelaufen.

(Bild: Andy Müller (Freshfocus))

Wer verstehen will, muss eigentlich nur diese drei Sätze kennen. «Meister werden wir», sagte Raphaël Wicky im Sommer 2017 als neuer Trainer des FC Basel. «Selbstverständlich wollen wir den Meistertitel zurückholen», erklärte Bernhard Burgener ein Jahr später. Und 2019 klang der Besitzer des FCB dann noch so: «Wir wollen um den Meistertitel kämpfen.»

Drei Aussagen, in denen die Basler Ambitionen sinken wie die Töne der elektrischen Dreiklang-Glocken in Schweizer Schulhäusern. Bim, bam, bom. Und spätestens seit dem «Bom» müsste es eigentlich bei allen geklingelt haben. Natürlich würde sich Burgener nicht aktiv gegen einen Meistertitel wehren. Aber der zweite Platz, der ist für ihn auch ganz in Ordnung.

Was heisst das: Ein Mann der Zahlen?

Als Burgener 2017 beim FCB antrat, wurde er als Mann der Zahlen angekündigt. Den meisten Menschen in der Nordwestschweiz beginnt jedoch erst im dritten Jahr seiner Amtszeit zu dämmern, was das wirklich heisst. Es bedeutet etwa, dass Burgeners FCB in der Qualifikation zur Champions League gegen einen mediokren Gegner wie Linz mit einem Skore von 2:5 scheitern kann. Und dass er in der präsidialen Rechnung trotzdem im Soll liegt.

Rang 2 in der Schweiz, Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League, gut verdienende Spieler wie Marek Suchy weg, dazu der Verkauf eines Akteurs wie Albian Ajeti für einen zweistelligen Millionenbetrag: Das könnte reichen, um eines von Burgeners Zielen zu erreichen - eine ausgeglichene Rechnung Ende Jahr.

Auch darum ist selbst dann nicht klar, ob ein neuer Stürmer verpflichtet wird, wenn mit Ajeti und Ricky van Wolfswinkel die Nummern 1 und 2 im Angriff verkauft oder schwer krank nicht mehr zur Verfügung stehen.

Der Meistertitel? Ein Minusgeschäft

Zwar hat der FCB laut schottischen Quellen zuletzt Florian Kamberi beobachtet. Der 24-jährige Ex-Grasshopper spielt derzeit beim Hibernian FC. Aber es ist kein Zufall, wenn Burgener im Teleclub- Interview vor dem wichtigen Heimspiel gegen Linz ganz wenig über die sportliche Ausgangslage spricht. Und dafür ganz viel darüber, wie er gedenkt, das Kader bis in einem Jahr noch etwas zu verkleinern und damit günstiger zu machen.

Burgener hat einen derart nüchternen Blick auf den Fussball, dass es manchmal fast schmerzt. So kann er einem unvermittelt vorrechnen, warum ein Meistertitel für seinen FCB ein Minusgeschäft sei: «Allein die Meisterprämien, die wir an die Spieler zahlen, sind höher als die rund 3,4 Millionen, die wir als Meister von der Liga erhalten.»

So hat er das im Juli 2018 fast nebenher gesagt und dabei die möglichen Zusatzeinnahmen durch Europacup-Prämien ausgeblendet. Die sind schliesslich nicht garantiert, wie der FCB in der letzten Saison schmerzhaft erfahren musste.

Vielleicht wollten die Fans nicht richtig zuhören

Weil sich der Mensch nur langsam an neue Wahrheiten gewöhnt, verklangen seine Worte ohne viel Widerhall. Das ist sowieso eines von Burgeners Hauptproblemen: dass er im Gefühl lebt, er habe alle Veränderungen angekündigt, die der FCB unter seiner Führung erfährt. Und dass die Öffentlichkeit trotzdem immer wieder überrascht wird von seinen Entscheidungen.

Es ist eine Mischung, die das Unverständnis ausmacht. Einerseits muss man als Fan bei einer angekündigten Zusammenarbeit mit europäischen Grossclubs sicher nicht in erster Line an den Kauf einer IT-Lösung beim FC Bayern denken.

Andererseits wollten viele vielleicht auch gar nicht so genau hinhören, als Burgener seine Ideen ausbreitete. Dass der FCB unter ihm nicht weiter mit aller Konsequenz den nächsten Titel und die nächste Qualifikation für die Champions League anstreben würde? Das konnte und mochte sich in Basel zunächst einfach keiner so richtig vorstellen.

Kaputtmacher oder Visionär

Man kann in Burgener nun den Mann sehen, der eine perfekte Meistermaschine innert kürzester Zeit ganz schön kaputtgemacht hat. Man kann aber auch feststellen, dass er schon vor drei Jahren erkannt hat, dass das Basler Geschäftsmodell bald der Vergangenheit angehören dürfte.

Der FC Basel schien während ein paar Jahren ja eine Art finanzielles Perpetuum mobile zu besitzen. Mit den Prämien der Champions League leistete er sich die besten Spieler der Schweizer Liga, wurde deswegen wieder Meister und spielte so erneut in der Königsklasse, dank der auch noch die Marktwerte der eigenen Profis in die Höhe schossen. Und damit auch die Transfereinnahmen.

Sparen, weil die Honigtöpfe entschwinden

Aber die europäischen Grossclubs dulden immer weniger Vereine aus kleineren Ligen an den Honigtöpfen der Champions League. Möglich, dass die Türen für Schweizer Clubs demnächst sogar ganz geschlossen werden. Burgeners Antwort auf diese Veränderungen, auf die sinkende Wahrscheinlichkeit auf den Prämien-Segen: sparen, redimensionieren, abspecken.

Den Preis dafür bezahlt der FCB derzeit mit einem Team, das zwar an einem guten Tag den PSV Eindhoven schlagen kann. Das aber an einem normalen Tag keine Lösung gegen das Linzer Pressing findet.

Da wird es schwierig, die Young Boys an einem weiteren Meistertitel zu hindern. Aber für Rang zwei? Müsste es locker reichen.



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baz.ch/Newsnet