2015-08-14 11:57

Abschalten in der Stadtmusik

CVP-Grossrat Remo Gallacchi schreibt nur selten einen Vorstoss, denn das Thema muss ihm am Herzen liegen. Er würde auch eher die Politik aufgeben als das Hornspielen. Trotzdem kandidiert er für den Nationalrat.

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  • Martin Regenass

    Martin Regenass

Eins zu hundert schätzt Remo Gallacchi seine Chance, dass er von der Basler Stimmbevölkerung nach Bern in den Nationalrat geschickt wird – sozusagen gleich null. Trotzdem hat sich der Konrektor des Münster-Gymnasiums zusammen mit dem bisherigen CVP-Nationalrat Markus Lehmann, Parteipräsidentin Andrea Strahm, sowie dem Riehener Gemeinderat Daniel Albietz und Grossrat Oswald Inglin für die eidgenössischen Wahlen aufstellen lassen. Gallacchi, ganz uneigennützig: «Ich sehe mich als Stimmenlieferant für Markus Lehmann und möchte mit meinen Stimmen zu seiner Wiederwahl beitragen.» Natürlich handelt kein Politiker zu 100 Prozent uneigennützig – und so hofft der Mathematik- und Physiklehrer denn auch von den fünf CVP-Standaktionen für die Nationalratswahlen zu profitieren und steht den Leuten auf der Strasse Red und Antwort, um im Hinblick auf die nächsten Grossratswahlen seine Wahlchancen zu erhöhen.

Gallacchis Weg in die CVP war vorgespurt. Bereits sein Vater sass für die Partei im Grossen Rat. Dass aber daheim am Tisch jeden Tag über Politik gesprochen worden wäre, verneint Remo Gallacchi. «Ich bin aber mit meinem Vater an CVP-Veranstaltungen gegangen und auf diese Weise langsam in die Partei hineingewachsen», sagt Gallacchi. Seit Februar 2008 sitzt er nun im Grossen Rat. Die Wahl hat er auf Anhieb geschafft, was er auch seiner Bekanntheit in Fasnachtskreisen zuschreibt – er ist Mitglied der Clique die Antygge.

Vier Anfragen pro Jahr

Gallacchi gehört nicht zu den fleissigsten Schreibern von parlamentarischen Vorstössen – durchschnittlich sind es vier pro Jahr. Es gehe ihm nicht darum, sich selber in den Vordergrund zu stellen und sich mit möglichst vielen Anfragen und Interpellationen zu profilieren – wichtiger sei die Qualität der Vorstösse: «Es geht mir um die Sache, also Themen aufzugreifen, welche die Leute bewegen.»

Jüngst liess ihn beispielsweise das Amt für Wirtschaft und Arbeit in die Tasten greifen, als es die umstrittene Scientology-Kirche als religiöse Gemeinschaft anerkannte. Ein Entscheid, den er nicht nachvollziehen kann. Gallacchis Themenfelder beziehen sich grob umrissen auf raumplanerische, schulische, kirchliche oder energiepolitische Themen. Dabei ist er als Bürgerlicher gewerbefreundlich eingestellt oder tritt mit seinen CVP-Mitstreitern auch an einer Medienkonferenz auf, wenn es darum geht, mit der Quartierparking-­Initiative Lösungen für den Parkplatzmangel in Basel-Stadt zu finden. Ihm gehe hier die rot-grüne Verkehrspolitik zu weit und er appelliert an die Vernunft und an das Augenmass. Zwar würde von jenen Kreisen die autofreie Innenstadt von Freiburg gerne als Vorbild für Basel genommen. Gallacchi jedoch sieht zwischen den beiden autofreien Innenstädten wenig Parallelen: «In Basel-Stadt hat man im Gegensatz zu Freiburg nicht alle 300 Meter ein Parkhaus, von dem aus man rasch und bequem in der autofreien Zone ist.» Fragezeichen setzt Gallacchi auch bei der restriktiven Gesetzgebung bezüglich Parkplätzen in Basel-Stadt. So müssen in gewissen Kantonen bei Neubauten eine bestimmte Anzahl Parkplätze errichtet werden. Basel-Stadt hingegen geht den umgekehrten Weg und setzt eine Obergrenze. «Die Roche kann so einen Turm bauen und Tausende von Mitarbeitern auf engem Raum konzentrieren, ohne einen einzigen zusätzlichen Parkplatz errichten zu müssen.» Unter den Folgen davon litten dann halt die Quartierbewohner, die in den angrenzenden Strassen kaum mehr Parkplätze vorfänden, weil trotzdem Roche-Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit kämen. Auch wenn sich Gallacchi hier autofreundlich gibt: «Um mich als Bewohner in dieser Stadt fortzubewegen, brauche ich definitiv kein Auto.»

Gallacchi spricht auch Klartext, wenn es darum geht, ob man in Deutschland einkaufen und damit dem einheimischen Detailhandel quasi Umsatz entziehen solle. «Vor allem für Familien habe ich Verständnis, wenn sie über die Grenze gehen», sagt der Politiker. Er könne nicht verstehen, weshalb man für eine Thomy-Senftube in Basel mehr bezahlen solle als im nahen Deutschland, obwohl das Produkt gar in Basel hergestellt worden ist. «Die grossen Detaillisten müssen hier den Druck auf die Produktionsfirmen unbedingt erhöhen, damit diese für den Schweizer Detailhandel die Einkaufspreise senken.»

Begnadeter Trommler

Gallacchi wohnt mit seiner Frau und seinem Sohn im Kleinbasler Hirzbrunnenquartier. Neben seinem 100-Prozent-Pensum als Gymnasiallehrer und seinem Einsatz als Grossrat bleibt ihm dennoch auch Zeit, seine musische und seine sportliche Seite auszuleben. So ist der 47-Jährige ein begnadeter Tambour, der am vorfasnächtlichen Preistrommeln auch schon den zweiten Platz herausgetrommelt hat. Gerne bläst er ausserdem das Waldhorn in der Stadtmusik Basel, spielt einmal in der Woche Faustball und ist Statthalter des Fähri-Vereins sowie Präsident der «Baseldytschi Bihni». Müsste er von alledem auf etwas verzichten, so Gallacchi, dann wäre es zuletzt das Waldhorn. «Während der wöchentlichen Proben in der Stadtmusik kann ich so richtig in die Musik eintauchen und abschalten. Bei allen anderen Aktivitäten hat es nebenher noch Platz, mich über etwas zu ärgern.»

Sollte Gallacchi nach Bern gewählt werden, werde er sich unter anderem für faire Krankenkassenprämien in den verschiedenen Kantonen einsetzen. Die Chance, dass dies passiert, ist allerdings ziemlich klein.

Basler Zeitung