2019-02-01 16:10

Das Problem mit dem Flatterstrom

Bei Wind- und Solarenergie von Durchschnittswerten wie bei Bandstrom zu sprechen, ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

«Die erhoffte Verdoppelung des Flatterstromanteils ist unmöglich.»

«Die erhoffte Verdoppelung des Flatterstromanteils ist unmöglich.»

(Bild: Keystone)

  • Silvio Borner

Diese Lebensweisheit gilt erst recht für Durchschnitte, die leicht zu berechnen sind, aber zu groben Interpretationsfehlern führen, wenn Ungleiches verglichen wird. Schüler mit gleichem Notendurchschnitt unterscheiden sich wegen der unterschiedlichen Notenverteilung auf die Fächer sehr stark. Oder in einem Badeweiher mit Tiefen zwischen 50 cm und 5 m ist das Schild «Mittlere Tiefe 1 Meter» für Nichtschwimmer lebensgefährlich.

Durchschnittswerte für Preise oder Mengen sind nur dann aussagefähig, wenn die Messwerte vergleichbar und «symmetrisch verteilt» sind, also der mittlere Wert (Median) – gleich viele Werte sind höher und tiefer – nahe beim Durchschnitt liegt. Schon beim Einkommen liegt der Median deutlich unter dem Durchschnitt, weil bei den Vielverdienern die Unterschiede immer grösser werden. Wenn meine Gattin den Lohn beklagte, erklärte ich ihr, dass wir zu den Top 10 Prozent gehören. Nur für die Millionenverdiener liegt die 10-Prozent-Untergrenze nahe an der Armutsgrenze! Oder was bedeutet die gleiche Jahrestemperatur für das Klima, wenn diese in der einen Region saisonal stabil bleibt, aber in einer anderen riesige Ausschläge nach unten und oben vorkommen?

Aber unverantwortlich wird es, wenn wir nicht Gleiches mit Gleichem vergleichen – wie die berühmten Äpfel mit Birnen oder eben Bandstrom mit Flatterstrom. Kürzlich hat das bekannte Fraunhofer-Institut in Deutschland (mit grossem Echo auch bei uns) die Nachricht verbreitet, dass dort erstmals die Erneuerbaren mit einem 38-Prozent-Anteil an der jährlichen Stromproduktion die Kohle überholt hätten. Big News oder Fake News? Leider ist Letzteres der Fall, weil diese Jahresdurchschnitte einfach nicht vergleichbar sind. Beim Strom muss das Angebot in jeder Sekunde der Nachfrage entsprechen. Ein zu tiefes, aber auch ein zu hohes Angebot führt zum Blackout. Übers Jahr betrachtet, produziert Kohle (wie auch ein AKW) zu gut 90 Prozent der Zeit die Nennleistung, also Stunde für Stunde konstant dieselbe Menge an Strom.

Es ist wie beim Blutdruck

Vergleicht das Fraunhofer-Institut jetzt diese durchschnittliche Band-Produktion mit demselben Durchschnittswert für Wind (on shore), dann vergleichen diese «Experten» Äpfel mit Birnen. Denn die Windmühlen produzieren in 200 Stunden praktisch nichts, in 700 Stunden weniger als die Hälfte des Durchschnitts, aber zeitweilig das Vierfache. Es ist wie beim Blutdruck. Dieser muss minutengenau stimmen. Es nützt mir nichts, wenn er 200 Stunden gleich null ist, aber sich zwischendurch vervierfacht.

Der Jahresdurchschnitt des Blutdrucks ist für mein Überleben ebenso irrelevant wie der Jahres-Durchschnitt von Flatterstrom für die Versorgungssicherheit. Mein Körper kann Überschüsse nicht speichern, aber das Stromnetz auch nicht. Je höher der Anteil von Sonne und Wind wird, desto grösser wird die Spannweite zwischen null und Überschusswerten. Wind und Sonne können Kohle oder AKWs nicht ersetzen, solange es keine Massen-Speicherung der wachsenden Überschüsse gibt. Die erhoffte Verdoppelung des Flatterstromanteils ist unmöglich.

Basler Zeitung