2013-09-13 09:56

Gewalttäter, der Therapeut sein will

Der Carlos-Betreuer Shemsi Beqiri gibt sich im Fernsehen als Musterknabe und verharmlost seine Vergangenheit. Doch die Maske ist leicht zu durchschauen.

Shemsi Beqiri ist nicht der Musterknabe, den er in der Öffentlichkeit zu sein vorgibt.

Shemsi Beqiri ist nicht der Musterknabe, den er in der Öffentlichkeit zu sein vorgibt.

(Bild: Kostas Maros)

  • Daniel Wahl

    Daniel Wahl

Lammfromm sitzt Kickbox-Weltmeister Shemsi Beqiri mit seinem Bruderclan vis-à-vis von Telebasel-Moderator Dani von Wattenwyl. Der Thaibox-Trainer, der als Privattherapeut des Messerstechers Carlos ins Rampenlicht geraten ist, säuselt in der Sendung «061-live»: «Wir haben eine Erfolgsquote von 80 Prozent.» Gemeint sind nicht seine Wettkampfsiege. Gemeint ist sein unter Fachleuten höchst umstrittenes Resozialisierungsprogramm, das er für Gewalttäter wie «Carlos» anbietet. Wie in der Sendung «10vor10» von SRF ­ zu sehen war, hat Beqiri sich Carlos’ Therapie mit 5300 Franken pro Monat zahlen lassen. Finanziert von der Zürcher ­So­zialhilfe, mit dem Segen der Jugend­anwaltschaft.

Beqiri ist zurzeit Dauergast bei Telebasel. Man bewirbt zu allen Sendezeiten und im Internet seine «Fightnight», die am letzten Samstag in der Basler Sportanlage Pfaffenholz aufgezeichnet wurde und die morgen Samstag ausgestrahlt wird. Thema im freundschaftlich und ehrfürchtig geführten Gespräch bei Dani von Wattenwyl war schliesslich auch eine Attacke Beqiris gegen E.G. Der Vorfall wurde vor allem im Raum Zürich zur Kenntnis genommen. Titel der Telebasel-Sendung: «Wie kontern Sie die ‹Blick›-Kampagne?» In Basel darf Beqiri das Ereignis als harmlose Keilerei herunterspielen. «Wir haben eine Busse erhalten, weil wir Lärm gemacht haben», sagte er. Von Wattenwyl: «Also nicht wegen Gewalt, sondern wegen Lärms?» – Beqiri: «Natürlich.»

Deftiger Strafbefehl

Wegen Lärms? Mitnichten. Der Strafbefehl vom 22. Februar dieses Jahres, den Shemsi Beqiri akzeptiert hat, entlarvt ihn als Gewalttäter, der durch seine Rücksichtslosigkeit besonders aufgefallen ist. Im Schreiben hält die Basler Staatsanwaltschaft fest, dass Beqiris Opfer in der Basler Innenstadt Pfefferspray in die Augen gesprüht wurde. «Beqiri schlug dem auf diese Weise wider­stands­unfähig gemachten E.G. mit der Faust kraftvoll ins Gesicht, sodass dieser zu Boden fiel und schützend die Hände vors Gesicht hielt.» Das hat dem Thaibox-Trainer und seinem Bruder offenbar nicht gereicht: «In der Folge traten Beqiri und sein Bruder wiederholt mit den Füssen mehrmals auf ihn ein», heisst es im Strafbefehl. E.G. war mehrere Tage arbeitsunfähig. An Stirn, Halswirbelsäule, Schultern und Oberschenkel attestierten die Ärzte multiple Prellungen und Quetschungen.

Sanktioniert hat ihn die Staatsanwaltschaft also nicht wegen Lärms, wie Beqiri sagt, sondern wegen Drohung und Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft hat eine Geldstrafe verfügt und ging mit dem Mass an ihre oberste Grenze: 180 Tagessätze. Das blendet der Thai-Boxer aus Kosovo, der Gewalttätern wie Carlos «den rechten Weg» zeigen will, aus und verharmlost seine Taten systematisch: Im «Blick» sagte er zur Auseinandersetzung mit E.G.: «Ich wurde von jemandem aus meinem früheren Umfeld tätlich angegriffen. Da ich wusste, dass der Angreifer Aids hat, habe ich mich etwas zu heftig gewehrt, um seinen Angriff wirksam abzuwehren. Er wurde dabei aber nur leicht verletzt. Ich bedaure dieses Ereignis sehr. Fairness und Achtsamkeit sind in meinem Leben unerlässlich und wichtig.»

Nachforschungen der BaZ ergaben, dass E.G., der inzwischen in Deutschland wohnt, nicht an Aids erkrankt ist. Eine Anzeige wegen Rufmordes reicht E.G. nicht ein, weil sein Name im Zusammenhang mit dem Vorfall nicht explizit genannt worden ist.

Gerichtsfall Beqiri

Als die Zürcher Jugendanwaltschaft Carlos’ Zuweisung in Beqiris Obhut guthiess, hätte sie problemlos das Betreibungsregister konsultieren können. Das wurde offenbar nicht gemacht oder der Inhalt über den Schuldner Beqiri kalt ignoriert. Mehrere Betreibungen aus diesem Jahr laufen über sein Geschäft Superpro Sportcenter GmbH, wo Beqiri Rechtsvorschlag erhoben hat. Die Betreibung, die das Betreibungs- und Konkursamt Emmental-Oberaargau eingeleitet hat, steht im Status «Pfändungsankündung».

Die Auszüge zeigen, dass der selbsternannte Musterknabe auch privat mehr auf dem Kerbholz haben muss, als er öffentlich zugibt. Gegen einen «M.R. aus Duggingen» ist Beqiri bis vor Bundesgericht gegangen. 10'800 Franken hat der Kampfsportler diesem geschuldet und schliesslich bezahlt. Eine weitere Forderung von M.R. über 1500 Franken ist offen, wogegen Beqiri Rechtsvorschlag erhoben hat. M.R. ist eingeschüchtert und will mit der BaZ nicht über die Geschichte reden.

Auf einer Forderung von 540 Franken ist das Baselbieter Strafgericht sitzen geblieben. Und schliesslich hat auch das Autohaus Schiess AG aus Volketswil (ZH) den Porsche-Cayman-Besitzer mit 2596 Franken betrieben, wegen «Nichteinhaltung der Vertragsbedingungen». Die beiden letztgenannten Forderungen wurden inzwischen abgestellt. Das bedeutet, die Gläubiger haben sie wegen Aussichtslosigkeit, ans Geld zu kommen, zurückgezogen.

Kampfabsage aus Berechnung?

Mit Nichteinhaltung von Verträgen hat inzwischen auch Telebasel-Chefredaktor Willy Surbeck seine Erfahrung gemacht. Wochenlang hatte der Sender seinen Helden angekündigt und wie er im Ring im Pfaffenholz antritt. Erst Stunden vor seinem Auftritt, am vergangenen Samstagmorgen, um zehn Uhr, durfte Surbeck erfahren, dass Beqiri am Abend nicht im Ring stehen werde. Für eine Stellungnahme gegenüber der BaZ konnte der Kämpfer bis zu Redaktionsschluss nicht erreicht werden. Seine angebliche Begründung aber: Der Auftritt in Basel sei nicht möglich, weil er in Konkurrenz zu einem anderen Kampf in Los Angeles stehe. Der Schock muss bei der Telebasel-Crew jedenfalls tief gesessen haben. Einige Mitarbeiter hätten die Aufzeichnung des Kampfes fallen lassen wollen, sagt Surbeck dazu. Der Fernsehmann geht davon aus, dass Beqiri in einem hohen Mass gepokert hat.

Das alles haben Beqiris Freunde am vergangenen Samstag nicht erfahren. In der Pfaffenholz-Halle wurde der Carlos-Trainer frenetisch bejubelt. Noch immer hält die Fangemeinde dem Kickbox-Weltmeister die Stange und glaubt, Beqiri sei der ideale Trainer und Mentor für Gewaltverbrecher.

Wahres Gesicht auf Facebook

Vielleicht gefallen seinen Freunden auch Facebook-Einträge ihres Vorbildes: Wenn Beqiri genügend «geliked» wird, dann wird das Muskelpaket seine «Nahkampferfahrungen» mit den Freundinnen seiner Kickbox-Konkurrenz inklusive Bilder ins Netz stellen. Der Thai-Boxer droht in schlechtem Deutsch: «Bei über 1000 Likes werde ich mehr und genauer darüber erzählen mit welchen Frauen meiner Konkurenz ich das Bedürfniss hatte mich zu vergnüngen Wenn man MICH kennt, dann weiss man das ich gegenüber meiner Konkurenz nicht lüge sondern nur Beweise für mich sprechen lasse! u.a. werde ich gewisse privat Fotos rein stellen. Es handelt sich hier um drei Kickboxer aus Basel mit denen ich trainiert habe, aber deren Freundinen einiges mehr (sic).» Damit zeigt Beqiri seinen wahren Charakter, sagt ein ehemaliger Trainer, der sich vom Kampfsportler getrennt hat.

Morgen Samstag, um 20 Uhr, wird man auf Telebasel Shemsi Beqiri an der «Superpro Fightnight» am Rande des Rings sehen. Den Zuschauern wird er vom Sender trotz Vertragsbruch als «renommierter Kampfsportler aus der Schweiz» verkauft. Spektakel und Ambiance sind dabei garantiert und werden am Sonntag wiederholt.

Basler Zeitung