2019-12-30 23:25

Die Schweizer KZ-Opfer ehren

Es gilt, ein historisches Versäumnis nachzuholen – auch wenn es unangenehme Erinnerungen weckt.

Bereits 75'000 Stolpersteine erinnern in 28 Ländern an die NS-Opfer. In der Schweiz liegen solche bisher nur an der Grenze zu Deutschland. Foto: Markus Schreiber (AP)

Bereits 75'000 Stolpersteine erinnern in 28 Ländern an die NS-Opfer. In der Schweiz liegen solche bisher nur an der Grenze zu Deutschland. Foto: Markus Schreiber (AP)

Die Schweiz hat nicht so viele Helden. Und wenn, sind sie eher Mythen der gewünschten nationalen Geschichtsschreibung: Tell, Winkelried, Niklaus von Flüe. Jetzt hätte sie reale Helden in Gestalt der Schweizer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus: Albert Mülli, Maurice Bavaud,die Geschwister Abegg, mit ihrer Familie ausgewandert aus Obwalden nach Österreich und dort wichtige Unterstützer der Partisanen. Das kürzlich erschienene Buch «Schweizer KZ-Häftlinge» hat die Geschichte der knapp 400 Schweizer NS-Opfer detailliert aufgearbeitet und ehrt sie mit einem grossen Gedenkanhang mit Namen und Bild.

Die Behörden hingegen tun sich bis heute schwer mit der Anerkennung von NS-Opfern – aus welchen Gründen auch immer. Womöglich hat es damit zu tun, dass sich die offizielle Schweiz mit ihnen der eigenen Geschichte stellen müsste – und die war gegenüber dem Nationalsozialismus nicht sonderlich ruhmreich.

Für den Zürcher Heizungsmonteur Albert Mülli etwa tat die Schweiz nichts, ausser ihm einen Strafverteidiger in Wien zu vermitteln – es war ausgerechnet ein NSDAP-Parteimitglied und SS-Obersturmführer. Als Mülli am Kriegsende mithilfe der Alliierten freikam und nach Zürich zurückkehrte, schickte man ihm gleich eine Rechnung für den verpassten Militärdienst während seiner Jahre im KZ Dachau. Albert Mülli ist ein Held der Zürcher Lokalgeschichte. Er nahm es nicht hin, dass ein paar Hundert Kilometer nördlich und östlich seines Wohnorts Menschen auf barbarische Art verfolgt, in Lager eingesperrt und vernichtet wurden.

Es sind bereits sieben Jahrzehnte vergangen, ohne dass die Schweizer NS-Opfer offiziell geehrt wurden.

Unter Lebensgefahr setzte er sich in den Zug, um den Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Wien zu unterstützen. Sein ehemaliges Wohnhaus an der Gamperstrasse verdiente einen Stolperstein des Berliner Künstlers Gunter Demnig zur Mahnung an die Opfer des Nationalsozialismus. Demnig hat bis Ende Jahr bereits 75'000 Stolpersteine in 28 Ländern zur Ehrung der NS-Opfer gelegt, in der Schweiz bisher nur an der Grenze zu Deutschland für abgewiesene Flüchtlinge.

Auch der mutige Hitler-Attentäter Georg Elser hatte versucht, sich 1939 nach dem geplanten Attentat im Münchner Bürgerbräukeller in die Schweiz abzusetzen. Er schaffte es nicht, weil ihn deutsche Zollbeamte beim versuchten Grenzübertritt aufgriffen. Hätte er es geschafft, die Schweiz hätte sich mit ihm so schwergetan wie mit ihren eigenen Helden. Deutschland brauchte vier Jahrzehnte, um Elser posthum anzuerkennen und zu würdigen. Bei den Schweizer ­Opfern sind bereits sieben Jahrzehnte vergangen, ohne dass sie offiziell geehrt wurden.

Der Bundesrat scheint dem Anliegen der Auslandschweizer-Organisation gegenüber nun immerhin positiv gestimmt und prüft die Einrichtung einer nationalen Gedenkstätte für die Schweizer NS-Opfer. Die Stadt Zürich sollte im Fall von Albert Mülli vorangehen: Wer nachfühlt, was diese Menschen mitgemacht haben,der lege den ersten Stein.