2017-09-05 09:23

Verkrampfte Debatten um den Islam

Grossbritannien diskutiert über den Umgang mit Muslimen. Einige tun sich mit Religionskritik nach wie vor schwer. Labour-Chef Jeremy Corbyn hat jüngst eine Islamkritikerin aus seinem Schattenkabinett gedrängt.

Im Zentrum des nationalen Interesses: Passanten im nordenglischen Rotherham (August 2014).

Im Zentrum des nationalen Interesses: Passanten im nordenglischen Rotherham (August 2014).

(Bild: Keystone)

  • Hansjörg Müller

  • London

Zwei Fälle beschäftigen dieser Tage die britische Öffentlichkeit, wobei beide auf ihre Weise zeigen, wie verkrampft die Debatte um den Islam und seinen Platz in der westlichen Gesellschaft nach wie vor geführt wird.

Im Ost-Londoner Stadtbezirk Tower Hamlets, so berichtete die gemässigt-konservative Times bereits letzte Woche, sei ein fünfjähriges «christliches Mädchen» muslimischen Pflegeeltern anvertraut worden; diese, so die Zeitung weiter, seien des Englischen nicht mächtig gewesen und hätten dem Kind empfohlen, Arabisch zu lernen.

In den letzten beiden Monaten sei das Mädchen dann bei einem anderen, ebenfalls muslimischen Ehepaar untergebracht worden. Dieses habe dem Kind gesagt, es sei dumm, Weihnachten und Ostern zu feiern. Ausserdem hätten sie dem Mädchen eine Halskette weggenommen, an der ein Kreuz gehangen habe und ihm verboten, Spaghetti Carbonara zu essen, weil darin Speck enthalten sei. Beide Pflegemütter hätten ihr Gesicht auf der Strasse verhüllt.

Bekanntes Problemquartier

Die leiblichen Eltern sollen die Bezirksverwaltung angefleht haben, ihr Kind stattdessen seiner Grossmutter anzuvertrauen, was jedoch abgelehnt worden sei. Erst letzte Woche entschied ein Gericht im Sinn der Eltern. Die Interessen und Bedürfnisse des Kindes «hinsichtlich von Ethnie, Kultur und religiösen Überzeugungen» seien zu berücksichtigen, begründete Richterin Khatun Sapnara – eine Muslima, wie die Times ausdrücklich erwähnte – ihr Urteil.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Bezirk Tower Hamlets auffällt: Von 2010 bis 2015 regierte hier ein islamistischer Bürgermeister, der keiner der etablierten Parteien angehörte und verdächtigt wurde, die Verwaltung unterwandern zu wollen. Nachdem sich Vorwürfe massiven Wahlbetrugs als wahr erwiesen hatten, wurde er seines Amtes enthoben. Zeitungen schrieben damals von der «Islamischen Republik Tower Hamlets». Muslimische Bengalen bilden die grösste ethnische Gruppe im Bezirk, gefolgt von all jenen, die sich selbst in den Fragebögen der Behörden als «weisse Briten» klassifizieren.

Eine nüchterne Diskussion über den jüngsten Vorfall in Tower Hamlets erweist sich bis jetzt als schwierig: Verschiedentlich wurden die Enthüllungen der Times bereits angezweifelt. Dass die Schilderungen über die Verhältnisse in den Pflegefamilien zuträfen, sei längst nicht erwiesen, schrieb etwa der linke Guardian und stellte sich damit auf die Seite der Bezirksverwaltung. Diese streitet nach wie vor ab, dass die Vorwürfe, die gegen die Pflegeeltern erhoben werden, berechtigt sind.

Die Times, so der Guardian weiter, habe das Thema zudem reisserisch abgehandelt und versucht, einen Religionskonflikt herbeizuschreiben: Von einem «christlichen Mädchen» zu reden, sei problematisch. Völlig unberechtigt ist dieser Einwand nicht. Die Mutter des Mädchens spricht zwar vom «christlichen Erbe» der Familie, doch ist die britische Mehrheitsgesellschaft heute äusserst säkular geprägt. Dass sich aus der Aussage der Mutter rechtfertigen lässt, die Religionszugehörigkeit als wichtigste Eigenschaft des Kindes hervorzuheben, muss daher bezweifelt werden.

Fragwürdige Regeln

Andere Kommentatoren wiederum stellten das Konzept des «cultural matching» infrage, wonach Pflegeeltern derselben Ethnie oder Religion wie das Kind angehören sollen: Kein weisser Brite habe sich je daran gestört, dass Angehörige ethnischer Minderheiten weissen Pflegeeltern übergeben würden. Umgekehrt wird auf den Fall eines Sikh-Ehepaars aus Maidenhead verwiesen. Dieses hatte im Juni seinen Willen bekundet, als Pflegeeltern zu wirken, was jedoch von der zuständigen Behörde mit der Begründung zurückgewiesen wurde, in der Gemeinde warteten derzeit nur weisse Kinder auf eine Adoption. Auch dieser Fall sorgte für einiges Aufsehen; Zeitungen, darunter auch die Times, nahmen damals Partei für das Ehepaar.

Fragen wie diese und jene nach der christlichen Identität des Mädchens mögen ihre Berechtigung haben, doch können sie nicht davon ablenken, dass im Fall Tower Hamlets ein Kind höchstwahrscheinlich gegen den Willen seiner Eltern religiös indoktriniert wurde. Dies ist unabhängig von der angestammten Religion des Mädchens und seiner Ethnie ein Skandal.

Kenan Malik, einer der klügsten britischen Kommentatoren zu Fragen von Rasse, Ethnie und Identitätspolitik, nahm die Affäre im Observer zum Anlass, darauf hinzuweisen, woran die Islam-Debatte krankt: Die Diskussion sei nicht nur enorm polarisiert, sondern auch paralysiert: Allzu oft nähmen Kommentatoren eine pauschal feindselige Haltung gegenüber dem Islam ein, mindestens ebenso oft komme es aber auch vor, dass aus Angst, Muslime zu beleidigen oder Beifall von der falschen Seite zu erhalten, auf notwendige Kritik am Islam verzichtet werde.

Corbyns Bannstrahl

Wie schwer sich vor allem die politische Linke mit Islamkritik noch immer tut, zeigte sich einmal mehr vor zwei Wochen: Sarah Champion, eine Labour-Abgeordnete, wurde von ihrem Parteichef Jeremy Corbyn dazu gedrängt, aus dem Schattenkabinett zurückzutreten.

In Champions Wahlkreis Rotherham hatte eine Bande muslimischer Männer zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 vorwiegend weisse Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Das angebliche Vergehen der Abgeordneten bestand darin, dass sie Mitte August in einem Gastbeitrag für das Boulevardblatt Sun nochmals auf die offensichtliche Tatsache hinwies, dieser und ähnliche Vorfälle seien allzu lange beschwiegen worden, weil sich die Verantwortlichen davor gefürchtet hätten, als Rassisten zu gelten.

Immerhin werden Fragen wie diese unter Linken nun offener diskutiert als auch schon: Anders als Corbyn stehe Champion aufseiten der Opfer, schrieb die Feministin Julie Bindel im Debattenmagazin Standpoint. Dem Labour-Chef warf sie «kulturellen Relativismus» vor. Innerhalb der Partei haben sich vorerst allerdings die Beschwichtiger durchgesetzt: Als Yasmin Qureshi, Labours Schatten-Justizministerin, letzten Monat im BBC-Hörfunk gefragt wurde, ob es ein Problem mit muslimischen Gangs gebe, verweigerte sie die Antwort. Allein schon die Frage schien ihr offenbar ungehörig.

Basler Zeitung