2015-08-15 08:40

Eine Zeitung und ihre Vorurteile

Die Fälle Thüring und Frehner: Warum die Basler Zeitung zu Recht Nachforschungen betrieb. Die faktenfreien Spekulationen anderer Medien über die angeblichen Motive der BaZ waren teilweise grotesk.

Zeitmangel oder Unlust. Die Basler Zeitung bot Sebastian Frehner an, Stellung zu nehmen. Er nutzte die Chance nicht.

Zeitmangel oder Unlust. Die Basler Zeitung bot Sebastian Frehner an, Stellung zu nehmen. Er nutzte die Chance nicht.

(Bild: Roland Schmid)

Mit einer gewissen Verstörung haben viele Sympathisanten der SVP, aber auch manche andere Basler, selbst Linke, auf die Recherchen der Basler ­Zeitung in Sachen Sebastian Frehner und Joël Thüring ­reagiert: Die einen schimpften und drohten mit der ­Kündigung des Abonnements (SVP), die andern ­machten sich auf die Suche nach den Motiven ­dieser Zeitung, nicht zuletzt ihres Chefredaktors, Missstände und andere bemerkenswerte ­Vorkommnisse in der basel-städtischen SVP zum Thema zu machen. Viel Unsinn wurde ­geschrieben, Abenteuerliches wurde vermutet, Absurdes kolportiert, Bedenkliches unterstellt, ­schmeichelhaft aber war alles: Wenn sich die halbe Stadt nicht damit beschäftigt, ob die Botschaft stimmt, die ein Bote unterbreitet, sondern nur damit, warum dieser Bote jetzt genau diese Botschaft überbringt, dann muss der Bote ein wichtiger sein.

Nie, so scheint es, hat sich diese Stadt intensiver mit einer Zeitung befasst. Offensichtlich ist der BaZ gelungen, was sie immer angestrebt hat: Die BaZ ist eine Zeitung für alle Basler, selbst wenn sich einige dessen nicht bewusst sind.

Die Stunde der Verschwörer

Am schmeichelhaftesten war, was Peter Knechtli auf Onlinereports vortrug: Der von mir hochgeschätzte Rechercheur spekulierte, die ganze Sache sei von der BaZ und Sebastian ­Frehner gemeinsam eingefädelt worden. Wie darf ich mir das vorstellen? Christian Keller, der Autor der Artikel, Markus Somm und Sebastian Frehner treffen sich an einem geheimen Ort (Zürich? ­Herrliberg?) und kommen überein, sich öffentlich gegenseitig abzuschlachten? Frehner, so die These von Knechtli, sicherte sich so die Wiederwahl; die BaZ befreite sich vom Vorurteil, eine SVP-nahe Zeitung zu sein. Oder mit anderen Worten: ­Nachdem sich herausgestellt hat, dass der Dieb kein Dieb ist, wirft man ihm vor, nur deshalb nicht zu stehlen, weil er sich nicht als Dieb entlarven lassen will. Es ist grotesk. Ich bewundere Peter Knechtli für seine Lebensleistung, praktisch im Alleingang ein interessantes Newsportal zu ­betreiben – aber offensichtlich bewundert er die BaZ zu sehr. Denn bei aller taktischen Finesse, die uns eigen sein soll: So raffiniert ist nicht einmal die BaZ. So raffiniert ist niemand. Natürlich hat mich Knechtli in dieser Causa nie kontaktiert.

Warum hat die BaZ recherchiert? Weil sie eine ganz normale Zeitung ist mit ganz normalen ­Journalisten. Unsere Aufgabe ist es, Missstände aufzudecken. Unser Geschäft ist die Aufklärung.

Wenn ein bürgerlicher Politiker, der sich für die Landesverteidigung einsetzt, den Militärpflichtersatz nicht bezahlt, ist das interessant. Wenn sich zeigt, dass er dies nicht einmal unterlassen hat, sondern wiederholt, ja fast systematisch: Dann ist das eine «Geschichte», wie wir Journalisten zu sagen pflegen. Hätte es sich bei Joël Thüring um einen grünen Politiker gehandelt, der seit Jahren mit kritischen Voten zur Armee aufgefallen war, dann wäre das zwar auch einen Artikel wert gewesen, aber immerhin hätte man dem Grünen eine Art zivilen Ungehorsam attestieren können. Fehlgeleitet, ungeschickt, aber konsistent. Thüring stattdessen handelte entgegen den Überzeugungen, zu denen er sich öffentlich bekennt. Dass man ausserdem vermuten muss, dass Thüring die eigenen Finanzen nicht im Griff hat, ist ebenfalls von öffentlichem Interesse. Es handelt sich um einen Politiker, der im Grossen Rat über das Budget des Kantons Basel-Stadt beschliesst. Kann der Steuerzahler und Bürger einem solchen Politiker vertrauen? Es ist nicht Aufgabe der BaZ, das zu beurteilen – aber es ist Aufgabe einer Zeitung, solche Fakten zu veröffentlichen, statt sie zu unterdrücken. Ich möchte nicht wissen, was Peter Knechtli geschrieben hätte, wenn der BaZ alle diese Tatsachen bekannt ­gewesen wären und wir Thürings Finanzgebaren bewusst verschwiegen hätten. Knechtlis Theorie wäre sicher etwas weniger raffiniert ausgefallen.

Ein Präsident seiner selbst

Auch beim Fall Frehner liegen die Dinge sehr viel trivialer, als unsere Kritiker wahrhaben ­wollen: Wenn in einer Partei ein Präsident einige Parteifreunde dermassen gegen sich aufbringt, dass diese vier Jahre nach dem Vorfall immer noch verärgert genug sind, eine Zeitung mitten im Wahlkampf darüber zu informieren, dann ist das eine relevante Geschichte, sofern diese Partei eine relevante Kraft ist. Dass die SVP das auch in ­Basel-Stadt ist, würde niemand bestreiten.

Vor vier Jahren hat der verstorbene Anwalt und SVP-Nationalratskandidat Karl Schweizer dem Parteisekretariat der SVP eine Liste mit potenten Spendern zugestellt, um damit für die gesamte SVP Geld zu sammeln. Frehner, dessen Firma das Sekretariat führt, hat diese Liste ­eingesteckt und dazu benutzt, im eigenen Namen für die eigene Kampagne zu werben, ohne Schweizer zu fragen. Zum Teil handelte es sich um persönliche Freunde von Schweizer, manche wohnten weit weg in Zürich und hatten keine Ahnung, wen sie da genau unterstützen sollten. Eine unerfreuliche Geschichte, wie sie wohl in den besten Parteien vorkommt, aber eine Geschichte, die so normal auch wieder nicht ist, weil sie sonst nie für jenen innerparteilichen Konflikt gesorgt hätte, der damals in der SVP ausbrach. Seinerzeit kam man überein, die Sache unter dem Deckel zu halten – dass sie vier Jahre später trotzdem auftaucht, zeigt, dass der Burgfrieden nicht gehalten hat. Diesen Sachverhalt hat Sebastian Frehner übrigens nie bestritten, er interpretiert ihn einfach anders, was sein gutes Recht ist. Weniger korrekt ist, wie ­Frehner sich sonst äussert: Um von der unangenehmen Botschaft abzulenken, die er offenbar nicht widerlegen kann, versucht er stattdessen, den Boten zu erschiessen.

Irreführungen, Schutzbehauptungen

Frehner wirft der BaZ eine «Hetzkampagne» vor und verbreitet in der Stadt, es sei ihm nie das Recht zur Stellungnahme eingeräumt worden. Das ist nachweislich falsch. Christian Keller hat Frehner vor Erscheinen des ersten Artikels, am vergangenen, frühen Donnerstagnachmittag mit den Vorwürfen konfrontiert, zuerst am Telefon, danach auch schriftlich per E-Mail. Frehner zog es vor, zuerst jede Antwort zu verschleppen (ein uralter Politiker-Trick), dann erklärte er sich am späten Nachmittag ausserstande, darauf einzugehen. Aus Zeitmangel oder Unlust: Niemand weiss es. Hätte Frehner Stellung genommen, natürlich wäre dies in der BaZ erschienen. Ausserdem bot Keller (in Absprache mit mir) Frehner an, ­jederzeit auf einer ganzen Seite im Interview seine Sicht der Dinge darzustellen. Ob jede ­Zeitung so grosszügig mit einem Angeschossenen umgeht? Wir hoffen es.

Auch hier gilt: Wie man Frehners Spenden­gebaren bewerten will, ist nicht Aufgabe der BaZ, sondern steht jedem Wähler und Parteimitglied der SVP frei. Aber es handelt sich um eine Geschichte von öffentlichem Interesse, die jeden tüchtigen Journalisten zu einer Recherche ­bewogen hätte – und jede gute Zeitung hätte sie gebracht. Hätten wir sie verschweigen sollen? Wahrscheinlich wäre das unseren Kritikern lieber gewesen – auch wenn die meisten unter ihnen sonst an der SVP kein gutes Haar lassen. Sicher ist: Sie hätten ruhiger geschlafen und sich auf ihren bequemen Vorurteilen ausgeruht.

In der Falle

Denn darum geht es doch: Nachdem man ­jahrelang behauptet hat, die BaZ sei aufgrund ihrer Eigentümer (Christoph Blocher, Rolf Bollmann, Markus Somm) eine SVP-nahe Zeitung, kann es – nein, darf es nicht sein, dass diese ­Zeitung auch die SVP kritisiert oder Missstände innerhalb dieser Partei aufdeckt. Lieber will man gar nicht wissen, was in der SVP schiefläuft, sollte die Gefahr bestehen, dass die BaZ es einem ­mitteilt. Nichts fällt so schwer, wie von Vorurteilen Abschied zu nehmen. Es war so schön, die BaZ zu hassen. Es war so schön, einen Grund dafür zu haben. Es ist eine Frage der Gesichtswahrung.

Wenn sie sich ehrlich befragen, unsere ­Kritiker, wenn sie in jenen einsamen, frühen ­Morgenstunden vor dem traurigen Briefkasten stehen, den keine BaZ mehr füllen darf, dann, so vermute ich, spüren sehr viele unserer Kritiker längst, dass sie sich geirrt haben. Was sie vor fünf Jahren befürchtet haben, als ich zum Chefredaktor berufen wurde, ist nicht eingetroffen: Diese Zeitung ist kein Parteiblatt. Diese Zeitung ist auch nicht schlechter geworden, sondern wohl besser und interessanter, wie uns selbst unsere Wider­sacher zugestehen (wenn auch hinter vorgehaltener Hand), diese Zeitung ist darüber hinaus ­pluralistisch, wie kaum ein anderes Blatt in ­unserem Land, obwohl man weiss, wo sie steht, und diese Zeitung ist eine Basler Zeitung aus Basel für Basler geblieben – und sie unterstützt auch nicht plötzlich die Grasshoppers, weil ihre Eigentümer aus Zürich kommen. Es ist eine normale Zeitung mit normalen, aber guten Journalisten, wie zum Beispiel Christian Keller.

Was uns unterscheidet von manchen anderen Blättern, ist etwas anderes: Wir haben eine ­Haltung, im Zweifelsfall sind wir bürgerlich, nicht links. Das äussert sich in Kommentaren, aber auch in Recherchen, weil wir Dinge für Missstände ­halten, die anderen, linksliberalen Journalisten gar nicht als solche auffallen. Zugleich arbeiten in dieser Zeitung nach wie vor viele Redaktoren, die anderer Meinung sind als der Chefredaktor, und es kommen Autoren in dieser Zeitung regelmässig zu Wort, die das Gegenteil dessen vertreten, wofür diese Zeitung sich einsetzt.

Worin sich unsere Haltung aber nicht ­manifestiert: Wir schonen niemanden, nur weil er uns politisch näherstünde. Weder eine Partei (ich bin Mitglied der FDP) noch eine Institution, geschweige denn eine Person. Es liegt hier ein Missverständnis vor, das mehr über unsere ­Kritiker sagt als über die Basler Zeitung: Wir sind gegenüber Positionen loyal, nicht gegenüber ­Personen.

Basler Zeitung

BaZ-Chefredaktor Markus Somm.
BaZ-Chefredaktor Markus Somm.