2016-07-26 11:45

Zeiten der Attentate und des Amok

Nizza, Würzburg, München, Kabul, Bagdad, Ansbach: Der unendliche Terror.

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  • Michael Bahnerth

Ansbach. Gestern Montag um 11 Uhr hielten die bayrischen Schulen eine Schweigeminute ab. Für die neun Opfer von München, die der offenbar 18-jährige psychisch kranke Deutsch-Iraner Ali Sonboly ab 17.52 Uhr abgeknallt hatte. Das war am Freitag, vier Tage nachdem am Montag in Würzburg der 17-jährige Flüchtling Riaz Khan Ahmadzai, ein Pakistaner, der sich aus bleibetechnischen Gründen als Afghane ausgab, in einem Regionalzug eine Axt aus seinem Rucksack gezogen und fünf Menschen schwer verletzt hatte. Am Sonntagabend um 22.12 Uhr sprengte sich ein 27-jähriger syrischer Flüchtling im mittelfränkischen Ansbach in die Luft. Er selbst starb, 15 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer.

«Nur» ein Beziehungsdrama

Reutlingen war auch noch, am selben Sonntag wie Ansbach, knapp sechs Stunden zuvor, es war ein blutiges «Beziehungsdrama», wie man das wohl nennt. Aber doch «nur» ein Beziehungsdrama, wie man inzwischen wohl sagen muss. Kein terroristisches Attentat, kein Amoklauf und auch nicht der offenbar inzwischen in Deutschland angewandte Mix aus beidem. Es ist «nur» die Geschichte des 21-jährigen Syrers, auch ein Flüchtling, der wegen nicht erwiderter Liebe an seinem Arbeitsplatz, einer Dönerbude, eine 45-jährige Polin, die, so kann man vermuten, von ihm schwanger war und trotzdem nichts mit ihm zu tun haben wollte, mit einem Dönermesser tötete. Die Flucht wurde abschliessend doch zum Amoklauf; der Syrer verletzte noch fünf Passanten.

Kabul war auch noch, 80 Tote, über 200 Verletzte, am Samstag. So weit weg und wie auf einem anderen Planeten, dass die Explosion dort hier kaum Erschütterung auslöste. Am Sonntag starben noch 15 Menschen bei einem Selbstmordanschlag im fernen Bagdad, das war dann nicht mal mehr eine ­«Breaking News» wert. Und am Montag Morgen kam die Eilmeldung, dass in einem Club in Florida in den frühen Stunden des Montagmorgens zwei Leute erschossen und zehn verletzt worden seien.

Die 84 Toten von Nizza sind heute zwölf Tage alt, und doch schon wie längst ertrunken im Blut der jüngsten Anschläge. Der Seismograf der Attentate und der Amokläufe hört nicht auf auszuschlagen, und das Magma der Gewalt nicht damit, auszubrechen und die Welt zu verwüsten. Die Häufigkeit der Eruptionen ist so hoch, dass in diesen Tagen eine einzige nur noch die Halbwertszeit von ein paar Tagen hat.

Der polnische Autor Ryszard Kapuscinski schrieb einmal, die Welt sei ein gewalttätiges Paradies, und inzwischen wünschte man sich das, weil ihr zusehends die Paradiese ausgehen. Es ist, als ob aus der Büchse der Pandora neben Unheil und Krieg und Tod neuerdings auch noch Selbstmordattentate und Amokläufe pausenlos entweichen.

Eine ultraschnelle IS-Radikalisierung

Ansbach also, lässt man Forida (und nun auch Japan) mal ausser Acht, wo die Lage am Montag Nachmittag ein wenig verworren ist und das Motiv noch unklarer als in Ansbach. In Ansbach gibt es immerhin Vermutungen und seriöse Spekulationen, weshalb sich der 27-Jährige in die Luft sprengte. Entweder tat er es, weil er nicht nach Bulgarien abgeschoben werden wollte. Oder weil er psychisch am Ende und auf Tabletten war und schon zwei erfolglose Suizidversuche hinter sich hatte. Oder er am eigenen Leibe erlebte, was auch der Axt-Attentäter durchlebt hatte; eine ultraschnelle IS-Radikalisierung. Dass seine Tat nicht so ausführlich war wie jene des München-­Attentäters, der sein Massaker fünf Jahre lang, seit er 13 war, vorbereitet hatte, scheint klar. Auch schon deshalb, weil der 27-Jährige erst seit 2014 in Deutschland war. Aber der noch namenlose Attentäter aus Ansbach musste zuvor eine Bombe bauen, was eine Planung und eine Absicht voraussetzt.

Der Ansbach-Bomber wollte sich nicht vor «Eugens Weinstube» in die Luft sprengen, sondern auf dem Areal der Reitbahn, auf dem ein Open-Air-Konzert mit gut 2500 Besuchern gegeben wurde. Er wurde nicht eingelassen, weil er keine Eintrittskarte besass, was seine Planung amateurhaft aussehen lässt. Dann sah er, dass Rucksäcke kontrolliert wurden. Er trottete davon, soll noch telefoniert und sich dann vor der Weinstube ins Jenseits befördert haben.

Anleitung zum Bombenbau

Die Seele dieses Selbstmordatten­täters ist so schwer zu fassen wie seine Tat zwischen klarer Eindeutigkeit und beliebiger Hilflosigkeit: psychisch krank auf der einen Seite und vorbestraft wegen kleinerer Delikte wie Drogen und Nötigung, untergebracht am Stadtrand in einem runtergewirtschafteten Hotel, das einmal «Christl» hiess und bei dem jetzt das «L» fehlt. Auf der andern Seite hinterliess er beim lokalen Sozialamt einen guten Eindruck. Er sei «freundlich, unauffällig und nett gewesen». Am Montag dauerte die Suche nach Motiv und Motivation des 27-jährigen Syrers noch an. Auf dem Laptop sowie seinen zwei Handys mit mehreren SIM-Karten wurden eine Anleitung zum Bombenbau gefunden sowie «Gewalt­videos mit islamistischer Ausrichtung und salafistischen Inhalten».

Der bayrische Innenminister sagte: «In der Summe deuten alle bislang gefundenen Inhalte und die Materialien darauf hin, dass dieser Anschlag einen islamistischen Hintergrund haben könnte.» Aber ebenso wenig könne man, ergänzte der Bundesinnenminister Thomas de Maizière, eine psychische Störung des Täters ausschliessen. Es könne auch eine Kombination aus beidem sein, sagte de Maizière am Montag in Berlin.

Auf einem Handy soll es eine Anschlagsdrohung des Täters auf Video geben. Er kündigt darauf einen Racheakt gegen Deutsche an, «weil sie Muslime umbringen würden». Und dass er «im Namen Allahs» handeln würde.

«Lone Wolf»-Attentäter

Was allen «bayrischen» Attentaten (und jenem von Nizza) gemein ist, ist, dass es Einzeltäter sind, sogenannte «Lone Wolf»-Attentäter. Sie sind nicht klar in die Strukturen des IS eingebettet, sind keine Schläfer, die mit dem Auftrag, im Dannzumal ein Attentat zu verüben, nach Europa geschickt wurden. Sie sind nicht mehr vernetzt wie die Attentäter von Paris oder Brüssel. Sie verfügen nicht über jene Waffenarsenale. Die Kalaschnikows von damals sind heute, beim München-Attentat, eine «Glock 17»-Pistole, das gleiche Model, wie es vor fünf Jahren der Norweger und das Vorbild des Ali S., Breivik, benutzt hatte, sind eine Axt und, wie jetzt in Ansbach, eine selbst gebastelte Splitterbombe.

So gesehen handelt es sich bei diesen Attentätern um die nächste, die neue Generation von Selbstmordattentätern, wenn man so will. Es sind Amateure, die von sich aus handeln und nicht im Auftrag des IS. Der IS reklamiert die Attentate für sich, wahrscheinlich jedenfalls, um im Geschäft zu bleiben. Sie leben am sozialen Rand, im Schatten der Gesellschaft, mehr oder weniger unauffällig, sie sind an der Oberfläche eben «nett und freundlich», während ihr nach aussen nicht oder kaum wahrnehmbarer Hass, ihr gefühltes Verlierertum im Inneren beginnt, den grossen, finalen und in ihren Augen heldenhaften Abgang zu schöpfen; namenlos gelebt, prominent gestorben.

Diese «Lone Wolf»-Generation ist trotz der «Baumarkt-Bewaffnung» wohl gefährlicher als die alte Garde um beispielsweise den Paris-Attentat-Drahtzieher Salah Abdeslam oder Mohammed Atta, der für 9/11 verantwortlich war. Den Einzelgängern ist mit polizei­lichen Ermittlungstechniken kaum mehr beizukommen. Wer eine Axt kauft bei Obi oder Dünger im Gartenladen, um eine Bombe zu basteln, ist nicht auffällig. Wer, wie Ali S., twittert, um auch wirklich ein paar Leute vor Ort zu haben, die er dann erschiessen kann: «Kommt zu Meggi am OEZ ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer», erregt überhaupt kein Aufsehen.

Sind es 10, 100 oder Tausende?

Wie viele von diesen Amok laufenden Borderlinern gibt es? Wie viele noch sitzen da draussen am Rand der westlichen Welt, spielen Computerspiele, bringen sich bei, wie man Bomben bastelt und erschaffen sich ein Selbstwertgefühl, indem sie sich IS-Videos reinziehen und sich darin sehen? Sind es 10, 100 oder Tausende, die ihre einzige Selbstverwirklichung im Selbstmordattentat sehen, im Märtyrertum?

Die «Lone Wolf»-Generation ist, so scheint es heute, unbekämpfbar. Sie ist grenzenlos, weil sie keine Grenzen mehr kennt, und ihre Ziele sind unendlich; Restaurants, Züge, Wartehallen und so weiter, überall, wo sich ein Dutzend Menschen aufhält, liegt ein potenzielles Ziel.

Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Welle der Attentate und des Amoks so schnell verebbt, wie sie sich in den letzten sieben Tagen aufgebaut hat. Dass die «Lone Wolves» eine sehr endliche Facette des Terrors sind, eine Modeerscheinung gar, aber das ist ein so frommer Wunsch wie jener nach einer besseren Welt. Wo die Worte fehlen, redet irgendwann nur noch das Schweigen.

Basler Zeitung