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Im Marschland von North CarolinaDas Mädchen, das im Sumpf überlebt

«Der Gesang der Flusskrebse» von Delia Owens ist ein erstaunlicher Debütroman. Sechs Millionen Bücher wurden bis jetzt weltweit verkauft.

In den Marschgebieten von North Carolina (Pine Knoll Shores).
In den Marschgebieten von North Carolina (Pine Knoll Shores).
Foto: Philippe Gerber/Getty

Eines Tages macht sich die Mutter aus dem Staub. Lässt die beiden übrig gebliebenen ihrer fünf Kinder in der schäbigen Hütte in der Wildnis zurück. Und dann geht auch noch Jodie, Kyas Bruder. Die Sechsjährige ist nun mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Ihr Vater ist ein Alkoholiker und Spieler, der nur noch gelegentlich auftaucht, bevor auch er auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

Die Hütte liegt im Marschland von North Carolina, einem der Südstaaten in den USA. Das Klima ist gemässigt bis warm. Kya hat von Vater und Bruder gelernt, wie sie sich von dem, was die Natur hergibt, ernähren kann. Um sich etwas Geld zu verdienen, sammelt sie Muscheln und verkauft sie im Dorf an einen alten Schwarzen, der dort am Pier eine Tankstelle samt einer Art Kiosk betreibt. Er wird ihr Beschützer und Förderer.

Jahre später. Der Dorfschönling Chase Andrews wird tot am Fuss eines alten Feuerwachturms gefunden. Ist er gestürzt oder wurde er in den Tod gestossen? Der Sheriff ermittelt, und das «Marshgirl» Kya, nun eine attraktive Frau Mitte 20, zählt bald zum Kreis der Verdächtigen.

Es kommt zum Prozess. Doch Kya hat ein anscheinend wasserdichtes Alibi, war sie doch zum Zeitpunkt, da Chase vom Turm fiel, weit weg in der Stadt, wo sie ihren Verleger traf. Denn sie ist zur Autorin von Fachbüchern über das Leben im Marschland und den Sümpfen gewordenobwohl viele im Dorf meinen, sie sei ungebildet, Analphabetin, dumm.

«Der Gesang der Flusskrebse» hat eine komplexe Erzählstruktur. Vermischt wird einerseits die Geschichte vom Aufwachsen eines Mädchens in totaler Isolation mit dem Mordfall. Andererseits prallt die tiefe Naturverbundenheit Kyas auf die menschengemachten, mit ihrem Leben kaum zu vereinbarenden Strukturen.

Das Buch wurde in den USA mit einer Auflage von 28000 Exemplaren lanciert. Mittlerweile sind weltweit über 6 Millionen Bücher verkauft worden. «Where the Crawdads Sing» wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Die amerikanische Schauspielerin Reese Witherspoon, die mit dem Lob für das Buch in ihrem Buchclub wesentlich zum völlig unerwarteten Erfolg des Romans beigetragen hat, ist daran, ein Drehbuch zu entwickeln.

Die Autorin Delia Owens wuchs im Süden des Bundesstaates Georgia auf. Sie ging 1974 nach ihrem Studienabschluss zusammen mit ihrem Mann Mark nach Afrika, um Feldforschung zu betreiben. Das Paar publizierte drei erfolgreiche Sachbücher, darunter «Ruf der Kalahari» (1984). «Der Gesang der Flusskrebse» ist der erste Roman der inzwischen 71-Jährigen. Sie lebt in den Blue Ridge Mountains, im Grenzgebiet von North Carolina und Tennessee. (mw)

Delia Owens: «Der Gesang der Flusskrebse», Hanserblau 2019, 464 S., ca. 31 Fr.

Die US-Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon (links) ist von Delia Owens’ Roman begeistert und hat sich die Filmrechte dafür gesichert.
Die US-Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon (links) ist von Delia Owens’ Roman begeistert und hat sich die Filmrechte dafür gesichert.