2019-04-20 17:53

Als Merkel bei Obama-Abschied eine Träne in den Augen stand

Ben Rhodes war acht Jahre lang Berater des ehemaligen Präsidenten. Sein Buch gibt intime Einblicke in die Realität des Regierens.

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  • Viola Schenz

Es gibt sehr wenige Politiker-Reden, die einen eigenen Eintrag auf Wikipedia haben. Dazu gehört «A New Beginning» («Ein Neuanfang»), die Barack Obama am 4. Juni 2009 an der Universität Kairo hielt, auch bekannt als «Die Rede an die islamische Welt» oder einfach «Kairo-Rede». Mit ihr löste der amerikanische Präsident sein Versprechen ein, in den ersten Monaten seiner Amtszeit eine Grundsatzrede in einem muslimischen Land zu halten, um eine neue Zeit in den Beziehungen zwischen den USA und der islamischen Welt einzuläuten.

Der Mann hinter der «Kairo-Rede» ist Ben Rhodes. Als 29-Jähriger ist er in Obamas Wahlkampfteam eingestiegen. Nach dessen Wahlsieg 2008 hat er die acht Amtsjahre aussenpolitisch mitgeprägt, er war Stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater und enger Vertrauter, er handelte das Atomabkommen mit Iran mit aus und fädelte die Annäherung an Kuba ein.

Vor allem schrieb er die aussenpolitischen Reden des Präsidenten. Anderthalb Jahre nach Obamas Abschied hat Rhodes ein Buch über jene Zeit vorgelegt. «The World as It Is» erschien im Sommer 2018 und landete schnell auf der New York Times-Bestsellerliste, wie es bei Büchern hochrangiger Präsidentschaftsmitarbeiter üblich ist.

Inzwischen liegt es mithilfe von vier Übersetzern auf Deutsch vor, mit dem etwas lapidaren Titel «Im Weissen Haus – Die Jahre mit Barack Obama». Zwanzig Seiten sind dem Zustandekommen der Kairo-Rede gewidmet. Anschaulich schildert der inzwischen 41 Jahre alte Politikberater, wie viel Vorarbeit, Abwägen, Kompromissbereitschaft und Gespür einfliessen müssen, damit eine Ansprache Bedeutung erlangt.

Einblicke ohne billigen Voyeurismus

Rhodes' Erinnerungen stehen für eine neue Ära politischer Autobiografien; nicht nur klug und analytisch, sondern auch ehrlich und selbstkritisch. Zum G-20-Gipfel in London 2009 etwa heisst es: «Unser peinliches Anliegen bestand darin, andere Länder aufzufordern, Geld auszugeben, um die Weltwirtschaft zu stabilisieren – zur Bewältigung einer Krise, die von den Vereinigten Staaten ausgegangen war.»

Auch frei von Selbstglorifizierung, wie man sie etwa von Henry Kissingers dicken Erinnerungen «White House Years» kennt und wo der Autor bei aller weisen Reflexion oft als Superheld dasteht.

Rhodes ist dem abhold, ganz selten schimmert Eitelkeit durch, sie sei ihm verziehen, dafür waren seine Aufgaben zu wichtig. Er zeigt vielmehr realistisch, wie kräftezehrend, mühsam und schlafraubend es ist, für den wichtigsten Mann der Welt zu arbeiten. Dass Erfolgs- oder gar Triumphmomente schnell von Ernüchterung und Frustration abgelöst werden können. Seine Einblicke und Anekdoten sind intim genug, um den Lesern das Gefühl von Exklusivität zu geben, sie kommen aber ohne billigen Voyeurismus aus.

Ben Rhodes, einziger Vize-Chefberater von Obama. Foto: Urs Jaudas

Rhodes versteht sein Handwerk, er weiss, dass es das Publikum schätzt, wenn man sich hin und wieder selbst zum Deppen macht. So erzählt er gleich im Vorwort, wie sich Obama in seiner Präsidentenlimousine über Rhodes' fehlende Socken lustig macht (ein Missverständnis beim Packen).

Ebenso wenig dürfen präsidentielle Selbsterkenntnisse fehlen, die eben nur Personen, die direkt dabei waren, weiterreichen können: «Präsident zu sein, ist gar nicht so glamourös, wie man es gerne darstellt», oder nach Trump-Wahl und Brexit-Beschluss: «Manchmal frage ich mich, ob ich zehn oder zwanzig Jahre zu früh gekommen bin.» Auch erfährt man erst hier, dass bei Obamas Abschiedsbesuch in Berlin der sonst so nüchternen Angela Merkel «eine einzelne Träne in den Augen stand».

All das schreibt Ben Rhodes flüssig und unterhaltsam auf, man merkt ihm an, dass er das Fach «Kreatives Schreiben» an der New York University belegt hat. Oder wie der Publizist Joe Klein in seiner New York Times-Rezension im Juni 2018 ironisch anmerkte: «Er schreibt gut, obwohl er einen Master-Abschluss in Kreatives Schreiben hat.»

Es fehlt die Distanz, die zur Begutachtung nötig wäre

So lobenswert Rhodes an der Beschreibung seiner eigenen Bedeutung spart, so sehr tritt der Respekt, ja, die Bewunderung für seinen einstigen Chef zutage, für den er nach wie vor als Berater tätig ist. Einer von Obamas politischen Fehlern war es etwa, den Einsatz von Chemiewaffen im Syrienkrieg zur «roten Linie» zu erklären und, als Syriens Diktator Baschar al-Assad das Nervengift Sarin im August 2013 gegen sein Volk einsetzte, nicht zu reagieren.

Für die US-Aussenpolitik war das ein schwerer Glaubwürdigkeitsverlust. Rhodes widmet diesem Versagen ein Kapitel, er zeichnet das Abwägen, die Skrupel en detail nach. Doch das Entscheidende fehlt: eine Bewertung oder eben die notwendige Verurteilung.

Man spürt, wie sich der Obama-Intimus windet, und wenn man liest, wie er auch jetzt noch jene Syrien-Politik verteidigt, wird klar, dass wohl die Distanz fehlt, die nötig wäre, um eine achtjährige Präsidentschaft abschliessend zu begutachten. So ist sein Buch am Ende «ein glänzender Bericht darüber, wie es war, dabei zu sein», wie die ehemalige US-Botschafterin bei den UN, Samantha Power, urteilt und wie es auf den Einband der deutschsprachigen Ausgabe wie ein zweiter Untertitel gedruckt ist.

Rhodes' flotte und durchaus kluge Schreibe kann nicht verhindern, dass sein Werk bisweilen zu nacherzählerisch und zu wenig reflektiert gerät. Sehr oft werden Räume durchquert und Sofagruppen umrundet, wie man es aus Erinnerungen anderer ehemaliger Weisses-Haus-Mitarbeiter zur Genüge kennt.

Das Vermächtnis verblasst

Das Wesentliche der Obama-Zeit verliert sich in Beschreibungen bekannter Abläufe und irrelevanter Details – auch wenn das Polit-Junkies und Obama-Nostalgiker durchaus interessieren mag. Es zeugt obendrein von gewissem Mut, Memoiren zu den Obama-Jahren zu veröffentlichen in einer Zeit, in der Amerika und die Welt fixiert sind auf Donald Trumps Irrlichtereien.

Das Vermächtnis seines Vorgängers verblasst hinter all den Trump-Erregungen. Was aber auch daran liegt, dass der erste dunkelhäutige US-Präsident aussenpolitisch tatsächlich wenig hinterlassen hat.

Es gab unter Obama halt keinen Friedensvertrag von Dayton, mit dem Bill Clinton einst punkten konnte, oder eine deutsche Wiedervereinigung, die Bush senior mitermöglicht hat. Obama kann kaum konkrete Erfolge vorweisen, seine gute Tat bestand darin, nach den spalterischen und peinlichen George-W.-Bush-Jahren das Amerika-Bild in der Welt zurechtzurücken, mit seinen hohen Sympathiewerten, seinem Humor, und als begnadeter Redner die politische Kultur zu beeinflussen und Menschen zu inspirieren.

Jetzt, da dieses Pendel unter Trump zurückschlägt, bleibt als Rhodes'scher Erkenntnisgewinn, dass Idealismus, ehrbare Absichten, grosse Ambitionen manchmal an den Realitäten des Weltgeschehens abprallen. Dass die Welt eben so ist, wie sie ist: The World as It Is.