2016-07-25 10:31

Der Mann in der Krise

Amok und kein Ende – und immer dieselben Gründe. Die Einzeltäter sind sie die Spitze eines Eisbergs. Der Eisberg heisst «Jungenkrise».

Trauer in München: Man konnte gewissermassen auf eine solche Tat warten: Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, ­Tuusula und Kauhajoki. Winnenden oder Newtown, Oslo und jetzt München. Die Konstellation ist dabei immer die gleiche.

Trauer in München: Man konnte gewissermassen auf eine solche Tat warten: Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, ­Tuusula und Kauhajoki. Winnenden oder Newtown, Oslo und jetzt München. Die Konstellation ist dabei immer die gleiche.

(Bild: Keystone)

  • Walter Hollstein

Amok in München, nicht sehr weit von uns. Das ist schrecklich, gewiss. ­Andererseits ist es auch nicht sehr überraschend. Man konnte gewissermassen auf eine solche Tat warten: Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, ­Tuusula und Kauhajoki. Winnenden oder Newtown, Oslo und jetzt München – das sind Beispiele von Amok­läufen der vergangenen fünfzehn Jahre – und es sind längst nicht alle. Die Konstellation ist dabei immer die gleiche: Es sind junge Männer mit ­Problemen, häufig in therapeutischer Behandlung, sozial schlecht integriert, einsam, mit dem PC als bestem Freund, Gewaltspiele und -fantasien, miese Schulkarriere, schlechte Chancen auf dem Ausbildungsmarkt, dement­sprechend viel Frust und Aggressions­potenzial.

Zweithäufigste Todes­ursache von Buben ist Suizid

Klar, das alles sind jeweils Einzel­täter. Aber als Einzeltäter sind sie die Spitze des Eisbergs, der «Jungenkrise» heisst. In der Kriminalstatistik sind Buben sechzigmal öfter vertreten als Mädchen; psychische und psycho­somatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger; der Anteil von Buben in Förderschulen und Institutionen für Verhaltensauffälligkeiten beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen; ­im Durchschnitt sind mittlerweile alle Schul­leistungen von Buben schlechter als die der Mädchen; Alkohol- und Drogen­probleme von Jungen nehmen dramatisch zu; die zweithäufigste Todes­ursache von Buben ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter. Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung aus­ge­macht wird. In einigen Ländern haben schon mehr als die Hälfte der Jungen keinen Vater mehr. Die Sinus-Studie der deutschen Bundes­regierung belegt die Ängste der jungen Männer.

«Unsere Söhne haben Probleme», schreibt der Jungenpsychologe William Pollack, «und diese Probleme sind gravierender, als wir denken.» Selbst die Buben, die nach aussen ganz «normal» wirkten und den Anschein erweckten, mit dem Leben gut zurechtzukommen, seien davon betroffen. «Gemeinsam mit anderen Forschern musste ich in den letzten Jahren erkennen, dass sehr viele Jungen, die nach aussen hin ganz unauffällig wirken, in ihrem Inneren verzweifelt, orientierungslos und einsam sind.» Sie können sich nicht mehr an allgemeingültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das ­früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurechtfinden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt.

Ein anderes Männerbild

In den vergangenen vierzig Jahren hat sich die Politik auf die Förderung von Mädchen und Frauen konzentriert; dass es noch ein anderes Geschlecht gibt, geriet dabei in Vergessenheit. Wenn wir weitere Katastrophen verhindern wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir unseren Buben neue Ziele, konstruktive Wege und ein anderes Männerbild vermitteln können. Ansonsten können wir auf den nächsten Amoklauf warten.

baz.ch/Newsnet

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und lebt in Basel.
Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und lebt in Basel.(Bild: Nicole Pont)