2016-09-05 16:55

Haben Prostituierte den Alice-Schwarzer- Abend gestört?

Aktivistinnen haben den Auftritt der Feministin im Zürcher Kaufleuten gestört. Was sie wollten, ist rätselhaft. Doch Podiumsteilnehmerin Saida Keller-Messahli hat eine Vermutung.

Saida Keller-Messahli, Alice Schwarzer und Moderator Matthias Daum («Die Zeit») versuchten, über «Toleranz, Islam und westliche Werte» zu diskutieren, wurden daran aber lautstark gehindert.

Saida Keller-Messahli, Alice Schwarzer und Moderator Matthias Daum («Die Zeit») versuchten, über «Toleranz, Islam und westliche Werte» zu diskutieren, wurden daran aber lautstark gehindert.

(Bild: Reto Oeschger)

Eine Diskussionsrunde zum Islam mit der Feministin Alice Schwarzer im Zürcher Kaufleuten ist am Sonntagabend von einer Gruppe Frauen massiv gestört worden. Die Frauen rezitierten Stellen aus Alice Schwarzers Buch «Der kleine Unterschied» aus den 1970er-Jahren und liessen zur Verwunderung des Publikums ab Tonbandgeräten laut alte deutsche Schlager laufen.

Wer die rund 15 Frauen waren, darüber gehen die Spekulationen gemäss Corina Freudiger, Leiterin Kaufleuten Kultur, weit auseinander. Zwar seien einige der Störerinnen konservativ gekleidet gewesen und hätten Hochdeutsch gesprochen, weshalb vermutet wurde, dass es sich um Evangelikale handeln könnte. «Es waren aber auch zwei junge Frauen darunter, eine trug einen kurzen Jeansjupe», sagt Freudiger. Dass die Aktivistinnen ein Buch von Schwarzer aus den 1970er-Jahren thematisierten, lege die These nahe, dass es sich um einen Streit zwischen Feministinnen handeln könnte. Dagegen spricht allerdings, dass Alice Schwarzer sagt, die Störerinnen nicht zu kennen.

«Die Sprache von Prostituierten»

In eine ganz andere Richtung geht die These von Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, die selbst auf dem Podium sass, das «Toleranz, Islam und westliche Werte» diskutieren sollte. Keller-Messahli vermutet, dass es sich bei den Aktivistinnen um Prostituierte gehandelt haben könnte, «vielleicht auch ehemalige Prostituierte oder Sozialarbeiterinnen aus diesem Umfeld». Ihre Vermutung stützt sich auf eigene Beobachtungen und diese von mehreren Bekannten im Publikum. So hätten die Frauen gezielt Sätze zitiert, bei denen es um die weibliche Sexualität ging. «Etwas, das evangelikale Aktivistinnen eher nicht tun würden», so Keller-Messahli. «Auch glaube ich nicht, dass diese ein entsprechendes Buch aus den Siebzigerjahren gelesen hätten.»

Tatsächlich wird Alice Schwarzer, die sich für ein Verbot der Prostitution ausspricht und das «älteste Gewerbe der Welt» mit der Sklaverei vergleicht, von Prostituierten kritisiert. Auch verschiedene Prominente und Verbände wenden sich gegen Schwarzers Appell gegen Prostitution. Darunter die Deutsche Aids-Hilfe. Schwarzer vermenge auf unzulässige Weise Sexarbeit und Menschenhandel und blende die negativen Folgen aus, die eine Ächtung oder Kriminalisierung mit sich bringe, schreibt der Verband.

Aus Deutschland angereiste Aktivistinnen

Etwas Weiteres spricht gemäss Keller-Messahli für ihre These: «Wenn es sich um gläubige Christinnen gehandelt hätte, dann hätte sich deren Kritik bestimmt auch gegen mich oder den Islam gerichtet.» Auch hätten die Aktivistinnen ein eher «krudes» Vokabular benutzt, das ebenfalls eher dem Milieu als dem Gottesdienst entstamme, so Messahli. «Damit haben wir wirklich nicht gerechnet. Eher mit Störern aus islamistischen Kreisen.»

Dass es sich um organisierte Prostituierte gehandelt haben könnte, glaubt die Zürcher Historikerin und Feminismusexpertin Elisabeth Joris eher nicht. «Zumindest nicht Prostituierte aus der Stadt Zürich.» Diese seien wenig organisiert. Gemäss Podiumsbesuchern sprach jedoch ein Grossteil der Störerinnen Hochdeutsch. Es könnte sich also um eine Gruppe aus Deutschland angereister Aktivistinnen gehandelt haben. Auf jeden Fall sei die Aktion im Kaufleuten eindeutig vorbereitet gewesen, sagt Joris, die vom Vorfall aus der Zeitung erfahren hat.

«Mutiges» Publikum hat sich gewehrt

«Was sicher ist», sagt Corina Freudiger vom Kaufleuten, «die Aktivistinnen vom Sonntagabend haben die Veranstaltung, in der es um aktuelle, wichtige, die Lage der Frauen in der Welt betreffende Fragen gegangen sei, massiv gestört.» Dass sich das Publikum selber gegen die Störerinnen wehrte, hat Freudiger besonders gefreut. «Das war mutig.» Die übrigen 450 Zuhörer hätten nämlich gerne das Podium hören wollen.

Beim Kaufleuten sei man sich klar darüber gewesen, dass Alice Schwarzer polarisiere. «Wir waren deshalb gewappnet», sagt Freudiger. Als im Laufe des Abends deutlich geworden sei, dass sich die Aktivistinnen nicht an der Diskussion hätten beteiligen wollen und wiederholt die Gesprächsregeln nicht eingehalten hätten, habe das Sicherheitspersonal die Störerinnen deshalb aus dem Saal begleitet. Die Organisatoren verzichten auf eine Anzeige.