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Theater Basel und Corona«Sie glauben gar nicht, wie ich brenne»

Am liebsten würde Benedikt von Peter sofort mit seinem ersten Spielplan am Theater Basel herausplatzen. Und dann im Oktober durchstarten. Corona ändert alles. Also feilt der neue Intendant an Szenarien für jede denkbare Entwicklung der Krise.

Da dachte noch niemand an den Lockdown: Im August 2018 stellte sich Benedikt von Peter als designierter Basler Intendant vor.
Da dachte noch niemand an den Lockdown: Im August 2018 stellte sich Benedikt von Peter als designierter Basler Intendant vor.
Foto: Nicole Pont

Der Lockdown trifft Sie mitten im Finish für Ihre Startsaison am Theater Basel. Können Sie im Herbst überhaupt mit den ersten Premieren loslegen?

Ich denke, dass sich die Gesamtlage bis im Sommer klärt. Es gibt jetzt einmal Ansagen bis zum Ende der Spielzeit. Ich gestalte ja tatsächlich die kommende Saison an beiden Häusern, in Luzern und Basel. Insofern sind ganz schön viele Orangen in der Luft. Für den 9. Oktober ist die Eröffnung vorgesehen. Wann wir rauskommen und in welcher Version, wissen wir wahrscheinlich erst, wenn wir da sind.

Aber wie zuversichtlich sind Sie, dass es mit Anfang Oktober klappt? Sie müssen ohnehin viel früher anfangen. Die Teams müssen ja proben dürfen.

Genau. In der öffentlichen Wahrnehmung wird oft vergessen, dass vor so einer Premiere sechs bis acht Wochen Proben liegen. Wir müssen klären, was wir mit den Zuschauern machen, vor allem aber, was mit den Darstellern. Langsam mendelt sich auch ein arbeitsrechtliches Regelwerk heraus, wie im Haus weitergearbeitet werden kann, etwa in den Werkstätten, wo die Vorbereitung für die nächste Spielzeit schon begonnen hat. Wir Planer haben es einfacher, es gibt viele grosse und kleine Sitzungen via Zoom. Der Probenbetrieb würde erst im August losgehen. Dafür ist entscheidend, was im Sommer passiert. Mit Massnahmen gegen das Infektionsrisiko müssen wir sicherlich rechnen… Aber meine Zuversicht ist gross!

Dennoch herrscht im weltweit vernetzten Theater- und Opernbetrieb derzeit maximale Planungsunsicherheit. Und das bis weit in den Herbst und ins nächste Jahr hinein. Inwiefern ist Ihre Spielzeitplanung betroffen?

Es gibt den klassischen Dominoeffekt. Zu sagen, wir verschieben dieses oder jenes Projekt mal eben in die nächste Saison, ist im Stadttheater nicht so einfach, wir planen zwei bis drei Jahre im Voraus. Man kann aber mit den Leuten und der Infrastruktur, die man hat, auch auf andere Art arbeiten als bisher geplant.

Aber auf die Terminkalender Ihrer Gastkünstler müssen Sie schon Rücksicht nehmen. Opern in ganz Europa verschieben jetzt Premieren- und Vorstellungstermine. Das ist doch komplex.

Aber im Regelfall haben sie bereits für eine längere Zeit einen Vertrag bei uns. Unsere Planung ist ja sehr weit gediehen. Da wird keiner sagen, ich singe oder inszeniere oder spiele jetzt mal woanders, lass uns die Basler Premiere nachholen. Die zweite Frage ist: Kommen die Künstler rein, werden die Visabestimmungen über den Sommer wieder gelockert? Dann sehen wir, was geht.

Sprich: Dann sehen Sie, auf welcher Bühne in welcher Form vor wie viel Publikum wie oft gespielt werden kann?

Richtig. Und erst wenn gar nichts geht, stellt sich die Frage, wie wir mit dem Vertrag umgehen.

«Wir bereiten drei Szenarien vor: Vorstellungen für alle, partielle Öffnung oder nur online.»

Benedikt von Peter, ab Sommer Intendant am Theater Basel

Sie sagen, allein die Einreise in die Schweiz ist für ausländische Künstler derzeit problematisch. Einige Neue am Theater müssen ja gleich den Wohnsitz in die Schweiz verlegen. Wie managen Sie das?

Die Leute, die schon eine Visumzusage hatten, haben kein Problem. Die anderen – jene ohne Zusage – haben schlicht kein Visum. Im schlimmsten Fall müssten wir uns nach Back-ups für deren Rollen umsehen. Ehrlich gesagt: Das ist eine totale Detailarbeit, die da im Hintergrund läuft. Das Hauptproblem ist: Wenn wir spielen dürfen, müssen wir parat sein. Wir müssen uns aber auch für den Fall bereit machen, dass man nur für sehr wenige Zuschauer spielen darf. Also haben wir drei Szenarien: für alle, partielle Öffnung oder nur online.

Halten Sie Streaming für Ihren Fall – den Auftakt zu einer neuen Intendanz an einem renommierten Haus – für sinnvoll?

Auch das prüfen wir.

Was wollen Sie denn zeigen? Sie haben ja noch nichts im Repertoire.

Das hängt davon ab. Wenn man proben darf, kann man mit einem bestimmten Vorlauf und in bestimmten Genres schon über Streaming nachdenken.

Würden Sie eine Eröffnung mit Mundschutz überhaupt machen wollen?

Ja. (lacht) Für Sänger wird das allerdings schwer.

Mussten Sie schon Projekte absagen oder verschieben, die fix eingeplant waren?

In Luzern mussten wir umdisponieren, verschieben und für diese Spielzeit auch absagen. In Basel haben wir Glück im Unglück, da ist es ein bisschen anders.

Was heisst das konkret?

Wir hatten keine Vorproben für nächste Saison, weil wir ohnehin ein komplett neues Team sind. Und die spätere Eröffnung schenkt uns genau die vier, fünf Wochen Vorprobenzeit, um die es vielleicht gehen wird. Es stellt sich dann auch noch die Frage, wie mit den Produktionen umzugehen ist, die jetzt im Frühjahr ausgefallen sind.

Haben Sie ein Beispiel?

(zögert) Noch nicht.

Sie meinen, Sie wollen noch nichts über den Spielplan verraten.

Nun, wir haben uns einfach das Programm der drei Sparten angeschaut. Es gibt eine Produktion von Richard Wherlock, die herausgekommen und ohnehin wieder in unserem Spielplan aufgetaucht wäre…

… das Ballett «Gloria!» zu Barockmusik von Pergolesi und Vivaldi, das am 8. Mai uraufgeführt worden wäre. Die Premiere lässt sich tatsächlich gut verschieben.

Genau, hier ist der Übergang einfacher machbar. Auch in der Oper und im Schauspiel gibt es Kontakt zu den Kollegen, die jetzt am Haus arbeiten. Wir schauen uns wirklich jedes Format an, prüfen, was man mit den Ressourcen machen kann, was in den Werkstätten schon gebaut wurde. Geplant waren ja auch grosse partizipative Formate.

Sie reden von Arthur Honeggers Oratorium «Johanna auf dem Scheiterhaufen» oder Thornton Wilders Stück «Unsere kleine Stadt», das beim Lockdown kurz vor der Premiere stand. Das heisst also, dass mit dem Intendantenwechsel nicht alles sang- und klanglos untergehen muss, was am Theater Basel dem Corona-Notstand zum Opfer fällt?

Wenn Sie das so sagen, denkt man, man könnte einfach so eine grosse Produktion aus diesem Jahr mit in den nächsten Spielplan übernehmen. Da kommt aber wieder der Dominoeffekt ins Spiel: Viele Ensemblemitglieder, die Basel jetzt unter Vertrag hat, sind nächste Spielzeit gar nicht verfügbar. Es ist immerhin möglich, dass Projekte wieder auftauchen. In welcher Grösse und in welchem Umfang, weiss ich noch nicht.

Ein konkretes Projekt von Ihnen ist die «Matthäuspassion» in Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin. Wird sich das verzögern?

Na ja, das läuft in der Deutschen Oper erst 2021, in Basel also 2022. Ich hoffe mal, dass wir es bis dahin geschafft haben, die Corona-Krise zu überwinden.

«Man kann Inszenierungen nicht einfach von einem Theater ins andere umtopfen.»

Benedikt von Peter, ab Sommer Intendant am Theater Basel

Der neue Co-Schauspieldirektor Antú Romero Nunes hatte das Pech, dass ein aufwendiges Schiller-Projekt am Hamburger Thalia-Theater Corona-bedingt in letzter Minute abgesagt werden musste. Hat diese «Ode an die Freiheit» Chancen auf eine Premiere in Basel?

Das ist die klassische Klappfalle. Auch wenn ein paar Leute vom Thalia mitkommen würden, hätten wir längst nicht das Ensemble für dieses Stück beisammen. Man kann solche Inszenierungen nicht einfach umtopfen. Zudem ist das oft kostspielig, etwa weil Gagen aus Gastverträgen dranhängen. Und was machen dann die Schauspieler, die du angestellt und für die du die Saison gedacht hast? Spazieren gehen? Ressourcentechnisch sind solche – manchmal sehr wünschenswerte – Gedanken gar nicht immer praktikabel.

Wann können Sie vernünftigerweise den Spielplan präsentieren?

Das wird erst im Juni sein. Wir wollen bis dahin so vollständig wie möglich im Sattel sitzen und die Szenarien seriös durchgearbeitet, kalkuliert und mit Verwaltungsrat und Politik abgesprochen haben. Noch kann ja kein Wissenschaftler sagen, was die Corona-Kurve mit dem Sommer macht. Die nächsten sechs Wochen werden da auch noch einmal wichtig sein.

Einen Vorteil hat die aktuelle Schliessung des Hauses für Ihre Intendanz: Sanierung und Umbau des Theaters können vorgezogen werden. Was geschieht genau?

Der Bühnenturm, das Herzstück eines Theaters, wird technisch überholt. Dazu kommt die Kanalstrang-Sanierung. Dritte Baustelle ist die Sanierung der zum Teil bröckeligen Fassade. Letzteres ist nicht spielplanrelevant und wird über dieses Jahr hinausgehen.

Kristiina Poska hat diese Saison als Musikdirektorin geamtet. Soweit bekannt, wird diese Stelle nicht neu besetzt. Korrekt?

Das ist richtig. Das Theater Basel ist von der Struktur her so aufgestellt, dass es auch ohne Generalmusikdirektor funktioniert. Als ich zum ersten Mal am Haus Regie führte, unter Operndirektor Dietmar Schwarz, war das auch der Fall. Das muss nicht immer so bleiben. Aber so starten wir, und mit guten Gründen. Es gibt auch Dirigenten im ersten Jahr, mit denen ich schon lange arbeite. Und wir haben uns in der Frage gut mit dem Sinfonieorchester Basel abgestimmt.

Ivor Bolton soll dann vermehrt Opernproduktionen musikalisch leiten. Ist das eine kurzfristige Lösung?

Das ist erst mal ein Gerücht, denn wir hatten ja noch keine Spielplankonferenz. Aber tatsächlich streben wir das an. Ob man Bolton einfach so «vermehrt» kriegt, weiss ich nicht. Es wäre schon mal wahnsinnig schön, wenn er hier zum ersten Mal in der Oper arbeitet.

Soll mit dem Sinfonieorchester in Basel Opern dirigieren: Der Brite Ivor Bolton (61).
Soll mit dem Sinfonieorchester in Basel Opern dirigieren: Der Brite Ivor Bolton (61).
Foto: Nicole Pont

Noch ein Wort zum Sprechensemble: Wie stark wird es sein, zahlenmässig?

(lacht) Herr Reuter?

Ja.

Sie fragen jetzt nach Infos mitten aus dem operativen Bereich für die erste Spielzeit. Ihre Kollegen ärgern sich!

Meine Frage ärgert doch keine Kollegen… höchstens die Antwort.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich brenne, den Plan von der ersten Spielzeit zu erzählen. Ich möchte das unbedingt bald machen. Ich habe nur gelernt, dass es ungerecht wäre, wenn ich das bilateral mit einer Zeitung mache. Das gibt immer Krach.

Ich fragte auch nur nach der künftigen Ensemblestärke. Verraten Sie uns die Zahl?

Eine Zahl sag ich nicht, aber wir werden einen sehr starken Schwerpunkt auf das Ensemble im Schauspiel legen, und auch Richard Wherlock arbeitet ja sehr mit einem Ensemblegedanken. In der Oper werden wir eher ein Rumpf-Ensemble haben, ähnlich wie damals bei Dietmar Schwarz. Das Thema ist für mich zuletzt etwas hochgekocht worden. Letztlich ist es am Theater Basel bei der Grösse der Bühne gar nicht möglich, dass man Mozart oder Strauss mit einer Stimme singt. Das geht nicht, nicht bei den Ansprüchen des Hauses. Ich lege schon Wert darauf, dass Gäste wiederkommen. Ich werde mit Teilspielzeitverträgen oder Zweirollenverträgen arbeiten, sodass Gesichter immer wieder in Erscheinung treten. Ich bin ja auch als Opernregisseur sehr stark mit bestimmten Sängern verbunden.

Wie oft pro Saison werden Sie selbst inszenieren?

Ein- bis zweimal.

Sehen Sie, das ging doch jetzt mit dem Antworten. Obwohl mich und die Basler Theatergänger schon interessiert hätte, mit welchen Stücken Sie in die Spielzeit starten.

Und obwohl ich es gern gesagt hätte…