2019-02-07 06:12

Mit den Ski des toten Kollegen

Bei Luca Aerni funktioniert kaum etwas diesen Winter. In Are will er Gian Luca Barandun seine Ehre erweisen.

Der Titelverteidiger geht als Aussenseiter an den Start: Luca Aerni mit dem Abfahrts- und dem Slalomski. Foto: Christian Pfander (Tamedia)

Der Titelverteidiger geht als Aussenseiter an den Start: Luca Aerni mit dem Abfahrts- und dem Slalomski. Foto: Christian Pfander (Tamedia)

  • Philipp Rindlisbacher

  • Are

Um den heissen Brei herum hat er nie gesprochen. Nach dem Gewinn von Kombinations-Silber an der WM 1989 in Vail meinte Paul Accola: «Diese Disziplin interessiert doch keinen Schwanz.» Zwölf Jahre später sprach der streitbare Bündner nach Kombinations-Bronze in St. Anton von der unwichtigsten Medaille, die es gebe. Wenn nicht schon damals, geniesst der Zweiteiler zumindest heute keinen grossen Stellenwert mehr – gut möglich, dass er in Are letztmals an einem Grossanlass ausgetragen wird.

Doch WM-Gold bleibt WM-Gold, und so startet Luca Aerni am Montag als Titelverteidiger in den Wettbewerb. Der Sieg in St. Moritz hat sein Leben als Skifahrer auf den Kopf gestellt. Das Selbstverständnis sei ein anderes, sagt Aerni, der die Laufbestzeit im Slalom vor Marcel Hirscher als Aha-Erlebnis bezeichnet. Finanziell ist er unabhängig geworden, das Sponsoring-Portfolio hat sich erweitert. Und doch gesteht der 25-Jährige: «Ich würde den Titel gegen eine Slalom-Medaille eintauschen.»

In seiner Spezialdisziplin läuft es Aerni nicht, er wirkt verkrampft und fällt zu allem Übel noch oft aus. Anzumerken ist ihm die Resultatkrise kaum, er lächelt sie weg, aber ein wenig drückt Ratlosigkeit durch. Auch in der Kombination vom Montag wird er Aussenseiter sein, das heutige Abfahrtstraining ist eine willkommene Abwechslung.

53 Zentimeter Unterschied

Auf 218 cm langen Latten wird er unterwegs sein, über einen halben Meter kürzer sind die Slalomski, mit denen er durch den Stangenwald wedelt (165 cm). Die Umstellung sei die Krux der Kombination. «Der Unterschied ist gewaltig. Der Abfahrtsski dreht fast nicht, die kurzen hingegen greifen extrem schnell.» Nicht zuletzt deshalb komme es beim Einfahren zum Slalom jeweils zu vielen Stürzen, sogenannten Highsidern, bei denen Fahrer in Rücklage geraten und es die Ski aufstellt. Enorm ist die Geschwindigkeitsdifferenz: Werden in der Abfahrt bis zu 130 km/h erreicht, sind es im Slalom in den meisten Passagen etwa deren 60.

An fünf Tagen erst hat Aerni in dieser Saison Speedtrainings absolviert. Eigene Ski hat er nicht, weil für ihn als Techniker schlicht keine Zeit bleibt, das Material abzustimmen. Und so fährt Aerni mit den Ski eines Schweizers, der viel zu früh von dieser Welt gehen musste. Gian Luca Barandun war sein Markenkollege gewesen bei Salomon, ehe er Anfang November 2018 bei einem Gleitschirmflug sein Leben liess.

Der Materialaustausch bestand schon lange; Aerni sah den Abfahrer zwar nicht häufig, dennoch beschäftigt ihn dessen Schicksal noch heute. «Gleich nach dem Unfall fühlte es sich seltsam an, seine Ski zu benützen. Nun aber will ich Gian Luca meine Ehre erweisen, es für ihn so gut wie möglich machen.» Nur 24 wurde der Bündner, und Aerni sagt nachdenklich: «Eigentlich müsste er hier sein.»

Kopfschütteln wegen Accola

Aerni sagt, beim Fahren dürfe er nicht an Barandun denken, «es klingt geschmacklos, aber ich darf mich nicht damit beschäftigen». Er wolle vorwärtsschauen, wobei sich gerade in seinem Fall der Blick zurück aufdrängt. Im Engadin lief 2017 alles für Aerni, was für Aerni laufen konnte: Da war seine nicht unumstrittene Nominierung, die erst am Vorabend des Rennens klar war, Wengen-Sensationssieger Niels Hintermann musste zuschauen. Da war der 30. Rang nach der Abfahrt, verbunden mit Startnummer 1 im Slalom. Da war die immer schlechter werdende Piste, die bald keine guten Zeiten mehr ermöglichen sollte. Und da war die eine Hundertstelreserve auf den Zweiten Hirscher. Es passte zum Tag, war Aerni mit dem ­Rückenschutz von Michelle Gisin unterwegs, seinen hatte er verloren. Weil er viel zu klein war, musste er sich von den Trainern einige Sprüche anhören.

Als komplettesten Skifahrer hat sich Aerni nie gesehen, WM-Gold hin oder her. Er nennt Alexis Pinturault als ausgeglichensten Athleten und Favoriten für den Montag. Mit Accolas einstigen Aussagen konfrontiert, schüttelte der Franzose unlängst den Kopf. Er holte zum Plädoyer für die Kombination aus, meinte: «Sollte dieser Wettbewerb wegfallen, wäre das eine Schande!»