2019-02-11 09:15

Wir müssen reden

Der FC Basel und der FC St. Gallen trennen sich 1:1 – aber das ist nicht der Grund für die schlechte Stimmung.

Im Spiel gegen St. Gallen gab vor allem das Geschehen neben dem Platz zu reden – die Muttenzerkurve protestierte gegen das Engagement des FCB in Indien.

Im Spiel gegen St. Gallen gab vor allem das Geschehen neben dem Platz zu reden – die Muttenzerkurve protestierte gegen das Engagement des FCB in Indien.

(Bild: Keystone)

  • Tilman Pauls

Das wäre was gewesen. Nachspielzeit, 1:0 für den FC St. Gallen, Samuele Campo läuft an, erzielt mit einem schönen Freistoss den Ausgleich für den FC Basel, und auf der Tribüne hinter dem Tor passiert: nichts. Aber zu diesem Zeitpunkt war die Muttenzerkurve ja längst wieder gefüllt, und der späte Punktgewinn konnte angemessen bejubelt werden.

Es ist schon kurios. Da ist im sogenannten Kerngeschäft des FCB so viel passiert, über das es sich nach dem ersten Heimspiel des Jahres zu reden lohnt: 26 Torschüsse, zehn Gelbe Karten, mehrere Grosschancen, zwei Tore, ein verschossener Elfmeter, ein phasenweise unterhaltsames Hin und Her und eben dieses schöne Tor durch Campo. Aber am Ende war das grosse Thema trotzdem, was sich auf der Tribüne abgespielt hat. Oder besser gesagt: Was sich dort eben nicht abgespielt hat.

Mit dem Anpfiff der Partie gegen den FC St. Gallen verliess die Muttenzerkurve unter dem Banner «E witere Schritt in die falschi Richtig – es isch zum drvoo laufe» geschlossen das Stadion und verbrachte die ersten 45 Minuten auf der Plattform, wo über Lautsprecher das Spielgeschehen kommentiert wurde. Im Inneren des St.-Jakob-Parks wurden in der Zwischenzeit in regelmässigen Abständen weitere Spruchbänder ausgerollt, auf denen die Fans unter anderem ihr Unverständnis über das Engagement des FC Basel beim indischen Verein Chennai City FC ausdrückten.

Schwelender Konflikt

Es ging aber auch um die generelle Ausrichtung des Clubs, um künftige Projekte und um die Grenzen der fortschreitenden Internationalisierung des FCB. Als die Muttenzerkurve zu Beginn der zweiten Hälfte ihre Arbeit wieder aufnahm, entrollten die Fans ein weiteres Plakat, auf dem stand: «Unseri Gsäng für die Elf uff em Rase – nid für d Chefetage». Deutlicher kann man nicht ausdrücken, dass sich der Verein in gewissen Bereichen in zwei Lager unterteilt. In ein «die» und ein «wir».

Die FCB-Fans haben sich in den letzten Monaten ja ohnehin relativ häufig geäussert zu den Entscheidungen der Vereinsführung. Meist auf Papier, in seltenen Ausnahmen aber auch direkt auf der Hauswand unterhalb der Geschäftsstelle. Die Sprüche reichten vom allseits bekannten «eSports dr Stegger zieh» über «Ihr händ e Knall und mir sehn schwarz» bis hin zu «Euer Marketing isch zum Kotze!». Es sind Sprüche, die eine fortschreitende Entfremdung zwischen dem Verein und einem Teil seiner Zuschauer dokumentieren. Ein schwelender Konflikt, zusammengedampft auf ein paar Buchstaben.

Austausch ist Chefsache

Über viele Jahre ist der enge Dialog zwischen Fans und Verein in erster Linie durch Bernhard Heusler geführt worden, der den Austausch bei seinem Amtsantritt zur Chefsache erklärte. Es herrschte in den meisten Punkten ein gewisses Verständnis für die Anliegen der anderen Seite. Und wenn das mal nicht der Fall war, dann wurde zumindest darüber gesprochen; wenn auch nicht immer mit einem zufriedenstellenden Ergebnis für beide Seiten.

Inzwischen scheint dieser Dialog aber kaum noch stattzufinden. Und wenn, dann über jene Spruchbänder, die belegen, dass ein Teil der Fans das Gefühl hat, dass sie und ihre Anliegen nicht ernst genommen werden.

Dabei ist die Minderheitsbeteiligung beim Chennai City FC sicher nicht das grösste oder gar das einzige Problem. Es gibt auch innerhalb der Muttenzerkurve diejenigen, die akzeptieren, dass der Club sich breiter abstützt und nach weiteren Einnahmequellen sucht. Die sehen, dass der FCB für wenig Geld in einen Markt vorgedrungen ist, von dem man sich künftig Gewinne erhofft, die dann wiederum der 1. Mannschaft zugutekommen. Aber wie fühlen sich die Fans wohl, wenn sie plötzlich kaum noch in die Überlegungen des Vereins eingebunden fühlen? Wäre es nicht ein guter Zeitpunkt gewesen, um die Fans über die Indien-Pläne zu informieren, als CEO Roland Heri vor wenigen Tagen im Saal 12 zu Gast war?

19 Punkte Rückstand

In den letzten Wochen wurde immer wieder die Frage gestellt, um was es für die Basler in der Rückrunde eigentlich geht. Die Berner sind dank einem 1:1 gegen den FC Thun zwar nicht weiter davongezogen, gehen aber trotzdem in aller Ruhe dem zweiten Titel in Folge entgegen. Für die Basler geht es um Platz 2 und einen möglichen Erfolg im Schweizer Cup. Doch innerhalb von wenigen Tagen haben sich viel grundsätzlichere Fragen aufgetan, die netterweise schon alle auf Papier gebracht worden sind.

Es herrscht Redebedarf beim FC Basel. Und das hat ausnahmsweise mal nichts damit zu tun, dass der Club sein Spiel gegen den FC St. Gallen nicht gewonnen hat.

Basler Zeitung