2019-02-20 18:09

Lawine in Crans-Montana fordert Todesopfer

Der nach dem Lawinenniedergang schwerverletzte Mann ist im Spital gestorben. Nun stellt sich die Frage: War die Piste offen?

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Beim Lawinenabgang von Dienstag in Crans-Montana VS ist ein Pistenpatrouilleur ums Leben gekommen. Zum Zeitpunkt des Unglücks befand er sich in einem Rettungseinsatz und half einer verletzten Person auf der Skipiste.

Sein Arbeitskollege, die verletzte Person sowie ein vierter Wintersportler wurden ebenfalls von der Lawine erfasst, wie die Bergbahnen von Crans-Montana am Mittwoch mitteilten. Sie kamen aber mit leichten Verletzungen davon. Zwei von ihnen konnten das Spital wieder verlassen. Eine Person befand sich am Mittwoch weiter in ärztlicher Behandlung.

Rettungskräfte konnten die Verschütteten schnell bergen. Der schwer verletzte Patrouilleur wurde in kritischem Zustand in einem Helikopter in das Spital von Sitten geflogen, wo er in der vergangenen Nacht verstarb.

Der 34-jährige Franzose arbeitete seit neun Jahren für die Bergbahnen des Walliser Ferienorts. Im Sommer war er als Bergretter tätig. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder.

Die Bergbahnen Crans-Montana äusserten sich in einem Communiqué tief betroffen über den Unfall. Ein Care-Team bietet für Angehörige, Mitarbeiter und betroffene Touristen psychologische Unterstützung an.

Suche nach möglichen Vermissten eingestellt

Am Mittwochmorgen wurde die Suche nach möglichen Verschütteten eingestellt. Die Rettungskräfte hätten keine weitere Opfer gefunden, teilte die Polizei mit. Sie habe ihre Untersuchungen im betroffenen Skigebiet abgeschlossen.

Die Polizei richtete eine Telefon-Helpline ein. Dort gingen zahlreiche Anrufe ein. Es seien umfangreiche Ermittlungen durchgeführt worden, um Erkenntnisse über allfällige verschüttete Personen zu gewinnen, hiess es. Es jedoch keine vermisste Person gemeldet worden.

Während der Nacht war die Suche nach möglichen Verschütteten fortgesetzt worden. Augenzeugen hatten zuvor berichtet, es könnten noch weitere Menschen unter den Schneemassen begraben sein.

Video: Hier kommt die Lawine

Das Video, dessen Echtheit unbestätigt ist, soll den Lawinenniedergang in Crans-Montana zeigen. (Video: Leserreporter/Tamedia)

250 Retter im Einsatz

Im Einsatz standen zehn Lawinenhundeführer, die Spezialisten der Rettungsorganisation Maison FXB du Sauvetage, die Kantonspolizei Wallis, die Armee, mehrere Mitarbeiter der Bergbahnen Crans-Montana sowie acht Helikopter von Air-Glaciers und Air-Zermatt.

Für die Intervention wurden zudem Pistenfahrzeuge mit Instrumenten zur Bestimmung der Tiefe der Schneemassen ausgerüstet. Bei der Suche setzte die Polizei technische Hilfsmittel zur Lokalisierung von Mobiltelefonen ein. Insgesamt waren 244 Menschen an den Sucharbeiten beteiligt.

Der betroffene Pistenabschnitt wurde auf Weisung der Behörden gesperrt. Das Flugverbot über dem Schadenplatz wurde wieder aufgehoben.

Die Schneemassen hatten sich am Dienstag gegen 14.15 Uhr an einem Hang in der Region La Plaine Morte gelöst, dem höchstgelegenen Bereich des Skigebiets. Die Piste Kandahar wurde dabei auf einer Länge von etwa 400 Metern verschüttet. Der Lawinenkegel erreichte mit einer Länge von 840 Metern, einer Breite von 100 Metern und einer Höhe von bis zu drei Metern ein gigantisches Ausmass.

Offene Fragen

Unklar ist, ob die von der Lawine betroffenen Piste Kandahar in der Region La Plaine Morte offiziell offen gewesen ist oder nicht. Auf der Website der Bergbahnen des bekannten Walliser Skiortes stand gestern Nachmittag geschrieben, dass die Kandahar-Piste um 12.15 Uhr geschlossen werden sollte. Ob das passierte oder ob die Piste wirklich freigegeben wurde, ist wohl Gegenstand der Abklärungen. Markus Rieder, Chef der Einheit Kommunikation und Prävention der Walliser Kantonspolizei, gab der Redaktion Tamedia gegenüber keinen Kommentar ab, ebenso der Chef der Bergbahnen.

Ein anonym bleiben wollender Skilehrer aus Crans-Montana erhebt gegenüber 20 Minuten schwere Vorwürfe. Er sagt, die Piste sei gestern offen gewesen, die Bergbahnen hätten die Situation komplett falsch eingeschätzt. Gemäss dem Skilehrer hätten die Bergbahnen die Gondelbahn auf den Plaine Morte nicht abgestellt, um die zahlreichen Touristen nicht zu vergraulen.

Video: Erste Bilanz der Polizei

Die Kantonspolizei Wallis informiert am Dienstagabend in Crans-Montana VS über das Lawinenunglück. (Video: RTS Info/Webvideo Tamedia)

Untersuchung im Gange

Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein. Grundsätzlich gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder hätten Schneesportler oberhalb der gesicherten Skipiste die Lawine ausgelöst, oder diese sei spontan abgegangen.

Ein Experte des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos ging in einer ersten Einschätzung von einer Gleitschneelawine aus. Bei solchen Rutschen gleitet die gesamte Schneedecke auf glattem Untergrund ab.

Video: Lawine in Crans-Montana VS

Erste Aufnamen zeigen das Ausmass des Lawinenabgangs im Skigebiet. (Video: Leser-Reporter/ Webvideo Tamedia)

Der Walliser Schneeforscher Robert Bolognesi glaubt nicht, dass das Risiko unterschätzt wurde. «Diese Lawine löste sich oberhalb der üblichen Höhe von Gleitschneelawinen», sagte er der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Das SLF warnte in ihrem Lawinenbulletin für Dienstag vor Nass- und Gleitschneelawinen im Tagesverlauf aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung und der Sonneneinstrahlung. Insgesamt schätzte das Institut das Risiko für Lawinen als mässig ein, der zweiten von fünf Gefahrenstufen.

Weltcuprennen findet statt

Auf die Skiweltcuprennen der Damen vom kommenden Woche in Crans-Montana hat der Lawinenunglück keinen Einfluss. In Absprache mit dem Internationalen Skiverband FIS habe man entschieden, das Programm aufrechtzuerhalten, teilte das Organisationskomitee mit. Es sprach der Familie des Lawinenopfers sein Beileid und Mitgefühl aus.


Video: So verhalten Sie sich richtig in einer Lawine

«Seitlich wegfahren und sich oben halten»: Jelena Maksimovic von der Beratungsstelle für Unfallverhütung erklärt das Vorgehen in fünf Schritten. (Video: Anja Stadelmann)

Schwere Lawinenunglücke seit dem Jahr 2000

Nachfolgend eine Auflistung der schweren Lawinenunglücke seit dem Jahr 2000 mit mindestens drei Toten. Die Lawine von Crans-Montana vom Dienstag hat bisher ein Todesopfer gefordert.

  • 31. März 2018: Im Gebiet Obers Tälli bei Fiesch VS trifft eine Lawine eine fünfköpfige Tourenski-Gruppe aus Spanien. Zwei Männer im Alter von 37 und 48 Jahren, darunter der Bergführer, sowie eine 38-jährige Frau kommen ums Leben.
  • 16. März 2018: Bei einem Lawinenunglück ausserhalb markierter Pisten im Vallon d'Arbi bei Riddes VS werden ein 57-jähriger Waadtländer sowie drei Franzosen im Alter von 20, 25 und 32 Jahren tödlich verletzt.
  • 21. Februar 2015: Im Gebiet des Grossen Sankt Bernhard im Wallis geraten fünf italienische Skitourenfahrer in eine Lawine. Obwohl zunächst alle Verschütteten gerettet werden können, sterben vier von ihnen später im Spital.
  • 31. Januar 2015: An der Ostflanke des Piz Vilan in Graubünden werden acht Mitglieder einer Skitourengruppe des SAC von einer Lawine verschüttet. Fünf der Tourengänger kommen ums Leben.
  • 5. Januar 2014: Beim Abstieg von der Pointe de Masserey im Val d'Hérens im Kanton Wallis werden drei Mitglieder einer Gruppe von Tourengängern und ein Bergführer von einer Lawine verschüttet. Alle vier Verschütteten erliegen ihren Verletzungen im Spital.
  • 1. April 2011: Bei einem Lawinenniedergang im Val d'Anniviers oberhalb von Ayer VS kommen drei deutsche Tourenfahrer ums Leben.
  • 26. März 2011: An der Croix de la Tsousse in der Region des Grossen St. Bernhard VS werden fünf Mitglieder einer elfköpfigen Tourengruppe von einer Lawine getötet. Fünf weitere Personen werden verletzt.
  • 19. März 2011: Von vier deutschen Skitourenfahrern, die im Gebiet Gorigrad am Flüelapass von einer Lawine verschüttet werden, können drei nur noch tot geborgen werden.
  • 3. Januar 2010: Im bernischen Diemtigtal kommen sieben Personen ums Leben, als auf dem Lawinenkegel einer zuvor abgegangenen Lawine 15 Retter und Helfer von einer zweiten Lawine verschüttet werden.
  • Am 14. Juni 2009 sterben zwei Männer und eine Frau am Piz Palü GR in einem Schneebrett.
  • Am 11. Februar 2009 kommen drei Seminaristen aus Ecône bei einem Lawinenunglück in Nendaz VS ums Leben.
  • Am 12. Juli 2007 kommen fünf Rekruten und ein Wachtmeister der Schweizer Armee in einer Lawine an der Jungfrau BE ums Leben.
  • Am 20. Februar 2006 werden drei Variantenskifahrer aus Bayern im Val Acletta in Disentis GR von einer Lawine getötet.
  • Am 5. Feb. 2003 kommen bei einem Lawinenabgang in Champex VS vier Wintersportler ums Leben.
  • Am 8. Januar 2003 tötet eine Lawine oberhalb der Walliser Gemeinde Bourg-St-Pierre drei französische Wanderer.
  • Am 5. März 2002 sterben drei Menschen am Piz Vallatscha im Unterengadin.
  • Am 11. Februar 2001 kommen drei Menschen am Pizzo Rotondo im Bedrettotal TI ums Leben.

red/sda/afp