2019-03-09 15:15

Die dreckigste Art zu reisen

Kreuzfahrten boomen, auch in der Schweiz, doch die Folgen für die Umwelt sind desaströs. Die Branche versucht umzusteuern, bevor die Gäste wegbleiben.

Die Einwohner in den Küstenorten sind genervt, in Venedig befürchtet die Unesco sogar Schäden am Weltkulturerbe durch die riesigen Massen an Touristen. Foto: Keystone

Die Einwohner in den Küstenorten sind genervt, in Venedig befürchtet die Unesco sogar Schäden am Weltkulturerbe durch die riesigen Massen an Touristen. Foto: Keystone

(Bild: Keystone Mohssen Assanimoghaddam)

  • Angelika Slavik

Natürlich geht nichts ohne die Wunderkerzen. Am Ende jeder Folge der ZDF-Dauerserie «Traumschiff» kommen die Wunderkerzen, sie stecken auf Torten, Schichtdesserts oder Obstsalat, und sie sind das untrügliche Zeichen dafür, dass nun alles endlich wieder gut ist.

Die Realität ist deutlich weniger glamourös, denn vor allem unter Umweltschutzaspekten sind Kreuzfahrtschiffe ein schwimmendes Desaster: Ein einziges Schiff bläst jeden Tag so viel Dreck in die Luft wie 400'000 PW, mindestens. Einige Umweltschutzorganisationen setzen den Wert noch höher an.

Dazu kommt, dass der Boom bei den Kreuzfahrten nicht ohne Folgen für die besuchten Städte bleibt. Die Einwohner in den Küstenorten sind genervt, in Venedig befürchtet die Unesco sogar Schäden am Weltkulturerbe durch die riesigen Massen an Touristen, die von den Kreuzfahrtschiffen ins Zentrum strömen: Immer die gleichen Wege, immer die gleichen Sehenswürdigkeiten, immer die gleichen Selfies, dann rasch zurück an Bord. Kreuzfahrtschiffe sind auf dem Weg, zum Symbol für die schlimmste Form von Tourismus zu werden, für die dreckigste Art zu reisen.

Albtraum ahoi

Dieser Mangel an Nachhaltigkeit ist ein Problem, nicht nur aus der Sicht von Menschen, die sich um die Umwelt sorgen. Es ist auch ein Problem aus Sicht der Reedereien. Mit der Genfer MSC Cruises sitzt in der Schweiz einer der führenden Player. Imageschwierigkeiten für ihre schwimmenden Geldmaschinen kann die wachstumsverwöhnte Branche gar nicht gebrauchen. Deshalb sollen Kreuzfahrtschiffe sauberer werden – bevor ihre Zielgruppe ein schlechtes Gewissen bekommt.

Laut dem Branchenverband Clia dürften weltweit in diesem Jahr erstmals mehr als 30 Millionen Gäste auf einem der schwimmenden Paläste einchecken. In Europa ist die Schweiz immerhin der sechstgrösste Markt mit 151'000 Passagieren im Jahr 2017. Doch es dürften mehr sein, weil viele Schweizer ihre Reise im Ausland buchen.

Das grüne Aushängeschild der Branche ist die Aidanova, die seit Dezember auf den Weltmeeren unterwegs ist. Das Schiff, das 6600 Passagiere um die Kanarischen Inseln schippert, ist das erste Kreuzfahrtschiff, dass vollständig mit dem Flüssiggas LNG betrieben wird. Mit dieser Antriebstechnik ist das Schiff immer noch weit entfernt davon, ökologisch unbedenkliche Kreuzfahrten zu ermöglichen, es ist allerdings ein grosser Schritt zu mehr Umweltschutz. Die Genfer MSC hat bei der französischen STX-Werft neue Schiffe bestellt, die ebenfalls mit Flüssiggas betrieben werden sollen. Die Neubauten sollen 2022 und 2024 ausgeliefert werden und je 6850 Passagiere beherbergen können, was ein neuer Rekord wäre.

Die neue Aidanova – hier bei der Auslieferung vergangenen Herbst – fährt mit Flüssiggas. Foto: Keystone

Ohne Filter unterwegs

Heute dagegen fahren viele Kreuzfahrtschiffe bislang nicht einmal mit Marinediesel, sondern mit Schweröl, also dem vielleicht dreckigsten Treibstoff überhaupt. In einer Untersuchung, die die Umweltschutzorganisation Nabu im vergangenen Sommer veröffentlicht hat, waren von den damals 76 untersuchten Schiffen mindestens 61 sogar ohne Russpartikelfilter unterwegs.

In Skandinavien sind einige Elektrofähren auf begrenzten Strecken im Einsatz. Klar ist jedenfalls: Die Sorge um das Image der Sparte bei den Gästen treibt die Bemühungen der Kreuzfahrtreedereien voran, neben Aida haben nun auch zahlreiche weitere Unternehmen LNG-Schiffe bestellt. Das wiederum hat Folgen für die ganze Schifffahrtsbranche.

Häfen unter Druck

Viele Häfen rüsten nun eilig auf, um die Versorgung mit LNG sicherzustellen – denn was früher exotisches Chichi war, ist bald ein Wettbewerbsfaktor: Wer keine LNG-Schiffe betanken kann, wird irgendwann auch keine LNG-Schiffe mehr in seinem Hafen haben. Im Fall der Aidanova hat die Reederei das Problem zunächst pragmatisch gelöst: Eine LNG-Füllung reicht aus, um das Schiff für 14 Tage zu betreiben. Die Rundreisen, für die die Aidanova eingesetzt wird, bleiben zunächst kürzere Trips.

Gleichzeitig mühen sich Werften und Reedereien auch um andere alternative Antriebstechnologien. Noch in diesem Jahr will die norwegische Reederei Hurtigruten die MS Roald Amundsen in Betrieb nehmen – ein Hybridschiff. Neben dem Dieselmotor verfügt es also auch über einen Elektroantrieb, zudem ist der Rumpf verbrauchsminimierend konstruiert. Unterm Strich soll die Roald Amundsen so 20 Prozent weniger Emissionen ausstossen als ein vergleichbares Kreuzfahrtschiff.

Hybrid nur für die Kurzstrecke

In besonders emissionsempfindlichen Gebieten soll das Schiff über kurze Strecken ganz ohne Diesel auskommen. Das verdeutlicht ganz gut, wo die Elektrotechnologie bei Schiffen derzeit steht: In Skandinavien sind einige Elektrofähren auf begrenzten Strecken im Einsatz. Davon, ein Kreuzfahrtschiff in der Dimension einer schwimmenden Kleinstadt versorgen zu können, ist die Technologie aber ein ganzes Stück entfernt.

Gleiches gilt für Containerschiffe, die ähnlich oder noch mehr Emissionen zu verantworten haben als Kreuzfahrtschiffe, aber keinen Druck durch zahlende Passagiere, die sich nicht zwischen ökologischem Gewissen und entspanntem Urlaub entscheiden wollen: Es gibt, vor allem in Skandinavien, einzelne Experimente mit elektrischen Containertransporten auf kurzen Strecken, zudem werden einige Frachter auf LNG umgerüstet. Zu branchenweiter Nachhaltigkeit ist der Weg aber noch weit.

Immerhin, von 2020 an gelten strengere Grenzwerte für Schwefel im Treibstoff, was auch weniger ambitionierte Reedereien zwingt, entweder von Schweröl auf Marinediesel umzusteigen oder nachträglich Reinigungstechnologie einzubauen.

Darauf ein Schichtdessert mit Wunderkerze.