2019-02-02 07:31

IT-Deal aus der Ära Vincenz kostet Raiffeisen Millionen

Erst sollte die IT-Tochterfirma Arizon verkauft werden, nun übernimmt die Bank sie komplett. Das kostet sie 69 Millionen Franken.

Die Raiffeisen-Gruppe schlägt sich mit dem Erbe der ehemaligen Bankführung um Pierin Vincenz herum. Foto: Esther Michel

Die Raiffeisen-Gruppe schlägt sich mit dem Erbe der ehemaligen Bankführung um Pierin Vincenz herum. Foto: Esther Michel

Die Idee klang bestechend: Die Raiffeisen-Bankengruppe bekommt ein neues Kernbankensystem und kann daran sogar noch etwas verdienen. Das war das Konzept, das die damalige Bankführung aus Pierin Vincenz und Patrik Gisel 2014 ausgeheckt hatte. Sie gründeten mit dem Bankensoftware-Spezialisten Avaloq Anfang 2015 das Gemeinschaftsunternehmen Arizon Sourcing AG. Die gemeinsame Tochter sollte das Uralt-Banksystem Dialba bei den Raiffeisenbanken ablösen. Zudem sollte Arizon auch anderen Banken als IT-Dienstleister zur Verfügung stehen und so Raiffeisen Einnahmen sichern.

Die Rückabwicklung der Idee kostet die Raiffeisen-Gruppe nun Millionen. Am Donnerstagabend kündigte die drittgrösste Bankengruppe an, den Anteil Avaloqs am Gemeinschaftsunternehmen Arizon von 49 Prozent zurückzukaufen. Der Kauf der Aktien sowie die Integration der rund 270 Arizon-Mitarbeiter in die Raiffeisen-Organisation kosten die Bank 69 Millionen Franken. Dieser Betrag ist Teil der Rückstellungen von 300 Millionen Franken, welche Raiffeisen für die Bereinigung der Ära Vincenz im Jahr 2018 verbuchte, wie die Bankengruppe mitteilte.

Ausufernde Kosten

Damit wird die IT-Umstellung für Raiffeisen abermals teurer. Im Jahr 2014 wurde die Umstellung auf das neue ACS-System von Avaloq mit zunächst 504 Millionen Franken budgetiert. Doch das Mammutprojekt machte mit Pannen und Verzögerungen Schlagzeilen. Mittlerweile beläuft sich das Budget auf 575 Millionen Franken. Zu diesen Kosten kommt nun der Preis für die Arizon-Übernahme hinzu.

Mit der Vollübernahme von Arizon vollzieht Raiffeisen zudem eine weitere Strategiewende. Denn noch im November 2017 hatte der Vincenz-Nachfolger auf dem Chefstuhl, Patrik Gisel, ganz andere Pläne: Er wollte das Beteiligungsgeflecht, das sein Vorgänger aufgebaut hatte, entrümpeln. Dabei wollte er auch die Mehrheitsbeteiligung von Arizon an Partner Avaloq zu einem nicht genannten Preis verkaufen.

Für Avaloq wäre das ein Bombengeschäft gewesen. Denn damit wäre Avaloq zum Besitzer und Betreiber der Kernsysteme von Raiffeisen geworden. Raiffeisen hätte sich in Abhängigkeit von Avaloq begeben. «Bei dem Entscheid haben damals nicht alle Hurra geschrien», erinnert sich ein Raiffeisen-Beteiligter.

Die Wende von der Wende

Nun heisst es: Kommando zurück, Raiffeisen betreibt seine Bankcomputer selbst. Mit Avaloq wurde ein normaler Lizenz- und Servicevertrag über zehn Jahre für die Software abgeschlossen. «Die gefundene Lösung ist derzeit optimal für beide Häuser, auch wenn wir grundsätzlich glauben, dass ein Lizenzmodell nur die zweitbeste Lösung für Banken ist», sagte Avaloq-Chef Jürg Hunziker dieser Zeitung. Zu den finanziellen Folgen für Avaloq will er keine Details nennen. Und meint lediglich: «Das ist für uns ökonomisch tragbar.»

Und wie kam es zur Wende von der Wende bei Raiffeisen? Laut Insidern sei die Initiative nicht von der neuen Bankspitze ausgegangen, sondern kam von intern. Der Rückkauf der IT-Tochter sei dann das erste Geschäft gewesen, mit dem sich der neue Verwaltungsrat beschäftigt habe. «Die wollten jedes Detail wissen», so ein Insider. Der Kauf der neuen IT-Lösung war 2014 dagegen noch als einfache Tischvorlage ohne Aussprache durchgewinkt worden.

IT-Umstellung seit Januar abgeschlossen

Der Hauptgrund für den aktuellen Sinneswandel habe darin gelegen, dass Raiffeisen eine zu grosse Abhängigkeit von Avaloq gefürchtet habe, heisst es. In der Medienmitteilung von Raiffeisen ist lediglich von «strategischen Überlegungen» die Rede. Zudem habe sich das Interesse von anderen Banken, von Arizon IT-Dienste zu beziehen, in engen Grenzen gehalten. Wer kauft schon seine IT-Lösung von einem Konkurrenten? Die Hoffnung auf Zusatzeinnahmen oder zumindest auf tiefere IT-Kosten durch Grössenvorteile hatten sich daher zerschlagen.

Immerhin: Seit Januar ist die IT-Umstellung abgeschlossen. Das neue System läuft bei den 253 Raiffeisenbanken. Das ist auch für Avaloq eine gute Nachricht. Denn das Unternehmen hat mit Raiffeisen den ersten grossen Kunden im Retailbankengeschäft. Bis dato war Avaloq vor allem als Spezialist für Bankensoftware für die Vermögensverwaltung bekannt. «Das Hin und Her hat aber extrem viel Energie gekostet», stöhnt ein Beteiligter.